Kooperationspartnerschaften als Wegbereiter für digitale Kompetenzentwicklung in der Hochschulbildung

Eine Auswertung und Einordnung des Sondercalls „Digitale Bildung“
Bericht
Lesezeit: 8 min
Text: Beate Körner

Die Erasmus+ „Cooperation Partnerships“ leisten einen wichtigen Beitrag zur digitalen Transformation und Kompetenzentwicklung in der Hochschulbildung. Die Auswertung des Sondercalls „Digitale Bildung“ von 2020 zeigt, wie Projekte gezielt digitale Kompetenzen von Studierenden und Lehrenden fördern und gleichzeitig strategische EU-Ziele wie die „Union of Skills“ unterstützen. Die Ergebnisse unterstreichen den europäischen Mehrwert und die nachhaltige Wirkung der geförderten Vorhaben.

Die Begleitung und Betreuung der Erasmus+ »Cooperation Partnerships» ist eine zentrale Aufgabe im Referat Erasmus+ Leitaktion 2: Partnerschaften und Kooperationsprojekte. Besonders bereichernd ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen, die auf europäischer Ebene umgesetzt werden – von Archäologie bis Zahnmedizin. 

Ob bei der jährlichen Kick-off-Veranstaltung, bei Monitorings, in denen die Konsortien ihre Arbeit vorstellen, oder bei der Präsentation von Beispielen guter Praxis – immer wieder bin ich als Referatsleiterin beeindruckt von der thematischen Vielfalt, der kreativen Umsetzung in den europäischen Projektteams und dem, was Studierende und auch Lehrende dabei lernen. Besonders die Innovationen im digitalen Bereich oder im Bereich der »künstlichen Intelligenz» lassen mich oft staunen. Sie verdeutlichen zugleich, wie essenziell es ist, sich kontinuierlich weiterzubilden, digitale Kompetenzen auszubauen und sich aktiv mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, um mit den rasanten Entwicklungen Schritt halten zu können. Umso erfreulicher ist es, dass wir mit unserer Arbeit die Grundlage für die Entwicklung und Umsetzung solcher Kooperationen voranbringen.

Ein zentrales Anliegen besteht darin, die vielfältigen Möglichkeiten des Erasmus+ Programms zur Förderung von Kompetenzen sichtbar zu machen und die bereits entwickelten Aktivitäten und Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein effektives Instrument dafür ist die Evaluation von Projektergebnissen und deren Wirkung. Besonders aufschlussreich sind Auswertungen, die verdeutlichen, wie die einzelnen Vorhaben auf die Erreichung übergeordneter Ziele oder Strategien einzahlen. 

Ein Beispiel ist die kürzlich von uns abgeschlossene Auswertung des Sondercalls »Digitale Bildung» im Rahmen der früheren Erasmus+ Strategischen Partnerschaften (heute »Cooperation Partnerships»). Dabei wurde auch ein besonderer Fokus auf die aktuelle Schlüsselstrategie »Union of Skills» der EU-Kommission gelegt, die im März 2025 veröffentlicht wurde. 

Corona-Pandemie als »Booster» von Kompetenzen und Fähigkeiten?

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie veröffentlichte die EU-Kommission im August 2020 einen Sonderaufruf »Digitale Bildung», der kurzfristig auf die durch die Pandemie entstandenen Herausforderungen reagieren sollte. Die Schwerpunkte des Aufrufs lagen zum einen auf dem Aufbau von Kapazitäten für die Umsetzung von Online-, Blended-learning- und Fernunterricht sowie der Entwicklung digitaler pädagogischer Kompetenzen von Lehrkräften zur Sicherstellung einer hochwertigen und inklusiven digitalen Bildung und zum anderen auf der Entwicklung und bzw. oder Nutzung hochwertiger digitaler Inhalte wie innovativer Onlineressourcen und -Tools. Von den 65 im Hochschulbereich eingereichten Anträgen wurden durch die NA DAAD in Deutschland 24 zur Förderung ausgewählt. Sie liefen von 2021 bis 2023 und konnten alle erfolgreich abgeschlossen werden.

Die Ergebnisse belegen, dass der Aufruf erfolgreich zur Entwicklung relevanter digitaler Tools und Inhalte, zur Anwendung digitaler Technologien sowie zur Stärkung digitaler Kompetenzen der Nutzenden beigetragen hat. Dadurch konnten Herausforderungen und Barrieren in verschiedensten Arbeits- und Fachbereichen des Hochschulbereichs überwunden werden.

Die getroffene Auswahl der Vorhaben zeigt, dass die Zielsetzungen des Sondercalls erfüllt wurden. Sie wurden zwischenzeitlich in Prioritäten für »Cooperation Partnerships« umgewandelt und werden auf diesem Wege weiter umgesetzt. Außerdem bildete sich in der Auswahl der Prioritäten ab, dass trotz der Ausnahmesituation der Pandemie im Jahr 2020 die zentralen Themen Internationalisierung an der Hochschule sowie der Umgang mit fehlenden Fachkompetenzen in der Lern- und Lehrendenschaft eine wichtige Rolle spielten. So wurden die Prioritäten »Tackling skills gaps and mismatches» und »Promoting internationalisation» am dritt- und vierthäufigsten ausgewählt, aber auch horizontale kompetenzbezogene Prioritäten wie »Supporting individuals in acquiring and developing basic skills and key competences» eine hohe Relevanz haben (siehe Grafik »Prioritäten für Cooperation Partnerships»).

Fast alle Projekte haben neben digitalen Schulungsmaterialien auch Onlinekurse oder -module und Unterrichtskonzepte entwickelt sowie die entsprechenden digitalen Tools wie E-Learning-Plattformen, Joint-blended-Lernumgebungen oder Virtual-Reality(VR)-basierte digitale Produkte. So konnten die entwickelten Materialien unmittelbar verwendet und zur Erweiterung der Kompetenzen von Studierenden und Lehrenden eingesetzt werden. Durch diesen umfassenden Ansatz wurden zum einen die Auswirkungen der Pandemie abgemildert und zum anderen die technischen Voraussetzungen, Kapazitäten und Kompetenzen dafür aufgebaut, dass Unterricht und Lehre nicht nur weiterhin stattfanden, sondern zudem noch innovativer, interaktiver, inklusiver und – nicht zuletzt – im europäischen Austausch gestaltet wurden.

Eine beispielhafte Auswahl

Einige Beispiele sollen die exzellenten Aktivitäten und Ergebnisse verdeutlichen:

  • Im Vorhaben DTNET (INTAMT e.V.) wurde ein Onlinekurs entwickelt, der all denen notwendige Kompetenzen vermittelt, die VR-Technologien in ihre Lehrpläne einbauen wollen.
  • Im Projekt SkoPs (Universität Siegen) zielen alle entwickelten Kurse auf die Erweiterung der Kompetenzen der europäischen Arbeitskräfte im Bereich digitale Transformation ab – ein integraler Bestandteil der strategischen Ziele aller europäischen Staaten. Die Kurse sind auf die einschlägigen europäischen Initiativen abgestimmt, insbesondere auf die Europäische KI-Strategie.

Das folgende Beispiel verdeutlicht die gelungene Verbindung der zwei Erasmus+ Prioritäten »Digitaler Wandel» und »Inklusion und Vielfalt» mit der Kompetenzentwicklung von Studierenden und Lehrenden. Und es zeigt, wie die Verbreitung und Wirkung des Projekts und die Implementierung des Nachfolgeprojekts gelingen kann: 

»Collaborative Learning of Viewing and Decisionmaking Skills» (cLovid)

Koordination: Westfälische Wilhelms-Universität Münster 

Partnereinrichtungen: University Medical Center Utrecht (Niederlande), Turun Yliopisto (Finnland) 

Laufzeit: 01. März 2021 bis 28. Februar 2023 

Budget: 268.589 Euro

Inhalt: Das Projekt cLovid zielte darauf ab, die technischen Voraussetzungen für die Anpassung von Flipped-Classroom-Szenarien zu schaffen. Diese beinhalten aktive und kollaborative Aktivitäten der mikroskopischen Pathologie und beantworten kontextuelle Anforderungen wie begrenzte Kapazitäten des Campus oder den Wunsch, Fernunterricht anzubieten, generell, um geographische Hürden für die Teilhabe zu überwinden.

Ergebnisse: Für Medizinlehrende wurden digitale Unterrichtsmaterialien für Flipped-Classroom-Kurse und die Betreuung von Onlineszenarien in mikroskopischer Pathologie entwickelt, womit auch ihre digitalen pädagogischen Kompetenzen geschult wurden. Die Studierenden konnten ihre Fähigkeit zum kollaborativen Lernen in Flipped-Classroom-Szenarien stärken. Für diese Materialien und ihre Anwendung wurden einschlägige Open-Source-Tools genutzt und zum Teil angepasst. Evaluierungen und Forschung zu Pilotimplementierungen eines methodischen Rahmens sowie ein Good-Practice-Beispiel für Flipped-Classroom-Kurse zur mikroskopischen Pathologie ergänzen die Projektergebnisse. 

Die entwickelten digitalen Materialien und die Software stehen online offen zur Verfügung.

www.clovid.org

This unique combination of didactic scenarios with intelligent digital tools is very powerful for visual learning. Can‘t similar solutions be developed for skills training?
Professor Dr. Samuel Edelbring, Universität Örebro, während der Abschlussveranstaltung des Projekts
Die Antwort darauf lautet »Ja!« Siehe weiteres Erasmus+ Projekt ACTIVATE.
Dr. Bas de Leng, Projektverantwortlicher

»Agile Competency-Based Learning for Individuals and Teams« (ACTIVATE)

Auf Basis des Projekts cLovid (Universität Münster) im Bereich der Pflegeausbildung konnte zudem die neue Erasmus+ »Cooperation Partnership« ACTIVATE (2024–2026) konzipiert und eingeworben werden, die nun das »Skills training« in der Pflegeausbildung in den Mittelpunkt stellt und damit einen großen Nutzen auch für die Gesellschaft haben wird. 

Evaluation unterstreicht Wirksamkeit und europäischen Mehrwert des Sondercalls

Mit den geförderten Kooperationen des Sondercalls »Digitale Bildung« entstand eine Vielzahl unterschiedlicher, frei zugänglicher Lehr-, Lern- und Schulungsmaterialien, die durch ihren internationalen Ansatz und ihre Mehrsprachigkeit breit in der Aus- und Weiterbildung der teilnehmenden Institutionen genutzt werden können. Die digitale Natur der Ergebnisse ermöglicht eine leichte Anpassung und Verbreitung durch verschiedene Institutionen und in diversen Arbeitsbereichen sowohl innerhalb Europas als auch international. Dies stärkt die Nachhaltigkeit und Breitenwirkung. 

Die Projekte bieten einen hohen europäischen Mehrwert, indem sie nationale Bildungsthemen auf ein gemeinsames europäisches Niveau heben und innovativen digitalen Bildungspraktiken einen Rahmen bieten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Stärkung digitaler Kompetenzen, um Aus- und Weiterbildung, Austausch und Zusammenarbeit im Hochschulbereich zeitgemäß und – insbesondere im pandemischen Kontext – resilienter zu gestalten. Die Nutzung von Synergien durch gemeinsame Plattformen und Netzwerke fördert die Erweiterung von Wissen und ermöglicht neue Kooperationen, auch über europäische Grenzen hinweg. 

Die Ergebnisse unterstreichen die strategische Bedeutung der digitalen Transformation, insbesondere im Bereich der Hochschulbildung, und die effektive Nutzung der Projektressourcen zur Unterstützung nachhaltiger Kooperationspartnerschaften. 

Unterstützung der »Union of Skills« durch die Förderung der NA DAAD

Die Evaluation hat zudem gezeigt, dass nicht nur digitale Instrumente und Maßnahmen zur Verbesserung digitaler Innovationen an den Hochschulen wichtig sind, sondern auch die digitalen Fertigkeiten und Kompetenzen von Studierenden und auch Lehrenden ausgebaut werden müssen. Indem Erasmus+ in den Ausschreibungen der aktuellen Programmgeneration ab 2025 einen Schwerpunkt auf die Weiterentwicklung dieser digitalen »Skills« legt, kann das Programm einen wirkungsvollen Beitrag zur Umsetzung der »Union of Skills«-Strategie leisten. Dies gilt besonders für die erste Säule »Solide Grundlagen durch allgemeine und berufliche Bildung schaffen« hinsichtlich der Verbesserung der Grundkompetenzen »digitale Fähigkeiten« sowie in der zweiten Säule »Upskilling und Reskilling für den grünen und digitalen Wandel«.

Durch die Veröffentlichung der Evaluation verdeutlicht die NA DAAD, wie Erasmus+ mit seinen Förderlinien bereits jetzt einen Beitrag zur Umsetzung der »Union of Skills« leistet, indem sie das Thema Kompetenzen und Qualifikationen frühzeitig in die Kommunikation mit den deutschen Hochschulen integriert. Darüber hinaus fördert sie die Verbreitung von Projektergebnissen gezielt, in dem sie Plattformen für Austausch und Vernetzung relevanter »Stakeholder« bereitstellt. So wurde bereits das diesjährige Erasmus+ Forum für Partnerschaften und Kooperationsprojekte, »Erasmus+ Projekte als Katalysator für zukunftsorientierte Kompetenzen« am 08./09.05.2025, zur Verbreitung genutzt: Die »Union of Skills» bildete den thematischen Rahmen der Veranstaltung und war Anlass für eine lebendige Podiumsdiskussion mit dem Titel: »Wie können Erasmus+ Kooperationsprojekte zur Stärkung von Schlüsselqualifikationen und Synergien beitragen?«

Welche Fähigkeiten benötigen wir zukünftig?

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Erasmus+ Kooperationsprojekte nicht nur zur Förderung zukunftsorientierter Schlüsselkompetenzen – etwa »Future skills« oder KI-Kompetenzen – beitragen, sondern zugleich institutionelle Synergien innerhalb von Hochschulen und mit externen Partnern erzeugen können. Die Diskussion brachte unterschiedliche Perspektiven aus Hochschule, Politik, Praxis und Projektkontext zusammen. Sie bot einen praxisnahen Einblick, welche Hebel Erasmus+ Kooperationen in Bewegung setzen können – und wo strukturelle und praktische Herausforderungen liegen. 

Dabei wurde deutlich, dass der Kompetenzerwerb von Studierenden und Lehrenden – ein Thema, das im Selbstverständnis von Hochschulen fest verankert ist – stärker mit übergeordneten EU-Strategien wie der »Union of Skills« verknüpft und strategisch ins Bewusstsein gerückt werden sollte. Die NA DAAD wird die Hochschulen dabei auch zukünftig mit passenden Begleitangeboten unterstützen.