Erasmus+ erleichtert den freien Austausch von Kompetenzen

Im Gespräch mit Daniela Craciun, Gewinnerin des »Fundamental Academic Values Award« des DAAD
Im Gespräch
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Akademische Werte sind das Fundament des Europäischen Hochschulraums (EHR). Die Mitgliedstaaten haben dazu kürzlich sechs Grundwerte angenommen: Freiheit von Forschung und Lehre, Integrität der Wissenschaft, Hochschulautonomie, Beteiligung von Lehrenden und Studierenden an der Hochschulleitung, gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen und Verantwortung der Gesellschaft für die Hochschulen.

Um deren Förderung zu unterstützen verleiht der DAAD alle zwei Jahre den vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finanzierten »Fundamental Academic Values Award«. Der erste Platz ging 2024 an Daniela Craciun, Ph.D., Assistenzprofessorin an der Universität Twente in den Niederlanden. Ihre Arbeit vereinfacht die Überwachung der Einhaltung akademischer Grundwerte im EHR. In unserem Interview erklärt die aus Rumänien stammende Wissenschaftlerin, wie die Teilnahme am Erasmus Mundus-Programm sie und ihr Leben in Europa beeinflusst hat.

Frau Craciun, Sie haben 2024 den »Fundamental Academic Values Award« des DAAD erhalten. Sie stammen ursprünglich aus Rumänien, sind jetzt aber an der Universität Twente in Enschede tätig. Während Ihres Studiums haben Sie auch an Erasmus+ teilgenommen. Wie ist es dazu gekommen?

Es war tatsächlich eine große Auszeichnung, den Grundwertepreis des DAAD für meine Forschung zu erhalten. Ich bin dem DAAD sehr dankbar, dass dieses wichtige Thema dadurch mehr Aufmerksamkeit erfahren hat. Mein Bildungsweg war nicht immer geradlinig und in vielerlei Hinsicht sicherlich untypisch für eine Studierende der ersten Generation. Als ich die Sekundarstufe abgeschlossen hatte, trat Rumänien gerade der Europäischen Union bei. Also habe ich mich für ein Bachelorstudium in England beworben, das ich dort auch abschloss. Ich interessierte mich für die Prozesse der Globalisierung, und als ich von einem gemeinsamen Erasmus Mundus-Master in Globalwissenschaften erfuhr, bewarb ich mich sofort. Das Studium umfasste verschiedene, frei wählbare Mobilitätsstufen. Also studierte ich ein Jahr in Leipzig (Deutschland), ein halbes Jahr in Neu-Delhi (Indien) und ein halbes Jahr in Breslau (Polen). Diese wunderbare Bildungsreise war nur durch Erasmus möglich.

Wie ging es danach mit Ihrem Studium und Ihrer Karriere weiter?

Nach meinem Masterabschluss arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leipziger Center for Area Studies und bewarb mich für die Promotion in Hochschulpolitik an der Central European University (CEU). Diese amerikanische Universität befand sich damals noch in Ungarn, musste inzwischen jedoch nach Österreich umziehen. Ich hatte Glück und bekam ein Yehuda-Elkana-Stipendium, sodass ich an der Doctoral School of Political Science, Public Policy and International Relations der CEU zur Internationalisierung im Hochschulbereich forschen konnte. Während dieser Zeit erhielt ich verschiedene Stipendien und auch die Möglichkeit, im Ausland zu forschen und zu lehren. So war ich zum Beispiel Gastwissenschaftlerin in den USA, erhielt ein Marie-Curie-Gaststipendium in Brasilien und war Global-Teaching-Stipendiatin in Myanmar. Nach Abschluss meiner Promotion habe ich ein Jahr am Bard College Berlin unterrichtet, wo ich auch als wissenschaftliche Beraterin für die OLIve Refugee Education Initiatives tätig war. Seit 2020 arbeite ich nun an der Universität Twente – zunächst als Postdoktorandin und jetzt in Festanstellung. Und so bin ich hierhergekommen.

Sie sprachen vom erzwungenen Umzug der Central European University nach Österreich. Dieser hat Ihnen vor Augen geführt, dass die Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Autonomie der Hochschulen eben nicht selbstverständlich sind. Ist dies einer der Gründe, warum Sie ein wissenschaftliches Interesse an Grundwerten haben?

Die Verdrängung der Central European University aus Ungarn war ein deutliches Warnsignal. Dadurch habe ich den Schutz und die Förderung der akademischen Grundwerte in Europa genauer unter die Lupe genommen, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen von zunehmendem Autoritarismus, Illiberalismus und Neonationalismus auf die Universitäten in demokratischen Ländern. Leider sind die aktuellen Trends auch in historisch gewachsenen Demokratien sehr beunruhigend. In diesem Zusammenhang halte ich es für besonders wichtig, dass die akademische Gemeinschaft eben nicht in vorauseilendem Gehorsam beispielsweise Selbstzensur übt oder sich von vornherein dem politischen Druck beugt. Dies würde die Werte, für die wir stehen, und den öffentlichen Wert der Hochschulbildung nur weiter aushöhlen.

Ich denke, Erasmus+ trägt in vielerlei Hinsicht zu den strategischen Zielen der Union of Skills bei. Durch formelle und informelle Lernelemente können Kompetenzen für den Arbeitsmarkt und das Leben erworben werden, sodass sich die Menschen besser an neue Entwicklungen und Herausforderungen anpassen können.
Daniela Craciun

Inwieweit hat die Teilnahme an Erasmus+ Ihre persönliche und berufliche Entwicklung beeinflusst?

Für mich war der gemeinsame Erasmus Mundus-Master beruflich wie persönlich eine tolle Erfahrung. Durch die unterschiedlichen Partner im Konsortium hatte ich die Möglichkeit, ein für mich interessantes Thema aus verschiedenen disziplinären Sichtweisen zu erforschen (z. B. Regionalstudien, internationale Beziehungen, Sozialwissenschaften). Das hat mir in meiner akademischen Laufbahn sehr geholfen. Ich habe auch gelernt, mit Herausforderungen wie Sprachbarrieren, Vvisumsanforderungen und unterschiedlichen akademischen Erwartungen umzugehen, was wiederum meine Widerstandsfähigkeit und Problemlösungskompetenz gestärkt hat. Dadurch wurden viele andere Schritte leichter. Auf persönlicher Ebene habe ich viele Freunde aus der ganzen Welt gefunden, mit denen ich immer noch in Kontakt stehe. Wir treffen uns sogar regelmäßig (vor ein paar Jahren haben wir selbst unser 10-jähriges Jubiläum nach unserem Abschluss organisiert, zu dem Studierende aus ganz Europa und der Welt kamen). Und ich gehöre auch zu den vielen Menschen, die im Studium während des Erasmus-Programms ihren Lebenspartner gefunden haben. :)

Gibt es einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Land, in dem Sie gerne leben und arbeiten möchten?

Das ist wirklich eine schwierige Frage. Es gibt so viele Orte, an denen ich mir vorstellen könnte, zu leben und zu arbeiten. Aber ich glaube, wenn ich wählen könnte, würde ich mich für Berlin entscheiden. Ich habe bereits in der Stadt gelebt und weiß, dass wir gut zusammen passen. Die Stadt hat nicht nur intellektuell, sondern auch kulturell sehr viel zu bieten, wunderbare Natur und nicht zuletzt ist sie natürlich ein wichtiges politisches und wissenschaftliches Zentrum, das für meine akademischen Interessen von Bedeutung ist.  Viele meiner Kollegen, die ich auf meinem Bildungsweg (von der Schule bis hin zu meiner Promotion) kennengelernt habe, leben dort.

Mit der »Union of Skills« hat die Europäische Union eine Strategie ins Leben gerufen, die lebenslanges Lernen in den Mittelpunkt stellt, um die für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft erforderlichen Kompetenzen aufzubauen. Leistet Erasmus+ Ihrer Meinung nach bereits einen wichtigen Beitrag zu dieser Strategie?

Ich denke, Erasmus+ trägt in vielerlei Hinsicht zu den strategischen Zielen der Union of Skills bei. Durch formelle und informelle Lernelemente können Kompetenzen für den Arbeitsmarkt und das Leben erworben werden, sodass sich die Menschen besser an neue Entwicklungen und Herausforderungen anpassen können. Außerdem erleichtert Erasmus+ durch die Förderung der europaweiten und internationalen Mobilität den freien Austausch von Qualifikationen. Vor ein paar Jahren haben wir eine systematische Literaturrecherche zu den Vorteilen der transnationalen Zusammenarbeit in der Hochschulbildung durchgeführt. Dabei haben wir starke Belege dafür gefunden, dass diese Erfahrungen die Beschäftigungsfähigkeit im In- und Ausland, die Fremdsprachenkenntnisse und die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Mobilität erhöhen.

Aber ich denke auch, dass wir Erasmus+ und Bildung im Allgemeinen nicht nur zweckmäßig und als Instrumente betrachten sollten, die in erster Linie den Bedürfnissen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes dienen. Verlieren wir die humanistischen Ideale (z. B. demokratische Bürgerbeteiligung und individuelle Entwicklung) aus den Augen, kann unsere Bildung nicht gedeihen. Außerdem ist es wichtig, dass lebenslanges Lernen nicht zu einer individuellen Vverantwortung wird, um »beschäftigungsfähig« zu bleiben. Diese Fokussierung kann größere strukturelle Probleme wie Arbeitsplatzunsicherheit, stagnierende Löhne, Diskriminierung oder ungleichen Zugang zu Bildung verschleiern.
 

Ich würde Studierenden, die ein Studium oder Praktikum im Ausland absolvieren möchten, immer raten: Macht es!
Daniela Craciun

Ein wichtiger Grundsatz von Erasmus+ ist, dass es ein Programm für alle ist. Welchen Rat würden Sie Studierenden geben, die über ein Studium oder Praktikum im Ausland nachdenken, aber noch unentschlossen sind?

Ich denke, hier ist es wesentlich, Grundsatz und Rat auseinanderzuhalten. Einerseits ist es wichtig, dass die Ausarbeitung, Durchführung und Finanzierung von Erasmus+ dem Grundsatz gerecht wird, für alle da zu sein. Die internationale Mobilität von Studierenden, auch im Rahmen von Erasmus+, ist nach wie vor elitär geprägt. Studierende aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen sind nämlich deutlich unterrepräsentiert. Wir müssen dafür sorgen, dass die Zulassungskriterien, das Auswahlverfahren, die finanzielle Unterstützung und die Anerkennung von Studienleistungen keine unnötigen Hindernisse darstellen, die Studierende mit einem Hintergrund, der in der Hochschulbildung bereits verhältnismäßig schwach vertreten ist, von der Mobilität abhalten.

Andererseits würde ich Studierenden, die ein Studium oder Praktikum im Ausland absolvieren möchten, immer raten: Macht es! Aber natürlich verstehe ich auch die Bedenken, vor allem bei Studierenden ohne starkes Sicherheitsnetz oder ohne Vorbilder, die so etwas bereits gemacht haben. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass es eine unvergessliche und bereichernde Zeit sein wird – sowohl beruflich als auch persönlich. Man wird gezwungen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, und baut Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf. Für diejenigen, die nach einer strukturierteren und kürzeren Alternative anstelle eines Erasmus-Semesters suchen, empfehle ich zu prüfen, ob die eigene Hochschule Teil einer Allianz im Rahmen der Initiative »Europäische Hochschulen« ist. Diese Allianzen bieten oft flexible und hybride Möglichkeiten der Mobilität an (z. B. Sommerkurse, Hackathons und gemeinsame Kurse/Microcredentials). Das ist ein guter Ausgangspunkt für eine künftige Erasmus+ Erfahrung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Susanne Reich, Referentin Kommunikation in der NA DAAD