Erasmus geht neue Wege für mehr Auslandserfahrungen

Die neuen Möglichkeiten der Programmgeneration 2021-2027 zeigen Wirkung
Bericht
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Text: Dr. Melanie Förster und Agnes Schulze-von Laszewski

Mit der laufenden Programmgeneration 2021-2027 verfolgt die Europäische Kommission das erklärte Ziel, Erasmus+ noch zugänglicher, inklusiver und zukunftsorientierter zu machen. Neue Fördermöglichkeiten zielen darauf ab, noch mehr Menschen den Zugang zu Auslandserfahrungen zu ermöglichen, Hürden abzubauen und den internationalen Austausch weiter zu stärken – sowohl innerhalb Europas als auch darüber hinaus. Für Hochschulen bietet sich damit die Chance, ihre internationale Ausrichtung gezielt weiterzuentwickeln und noch mehr Menschen zu erreichen. Jetzt liegen die Ergebnisse des Förderaufrufs1 des Jahres 2022 deutscher Hochschulen vor. 

Erasmus+ ist ein etabliertes Leuchtturmprojekt der Europäischen Union. Seit seiner Gründung fördert Erasmus+ den Austausch von Studierenden innerhalb der EU und weltweit, die Öffnung für andere Länder und Kulturen, das Kennenlernen anderer Sichtweisen und Herangehensweisen in privaten und beruflichen Kontexten. Die 2021 eingeführten Änderungen zum Start der Programmgeneration sollten Erasmus und Europa fit für die Zukunft machen und mehr Menschen Auslandsmobilität ermöglichen. Da das erste Jahr vom Übergang und der Corona-Pandemie geprägt war, liefert der Förderzeitraum 2022 bis 2024 die ersten vollständigen und validen Ergebnisse über die Wirkung der zentralen Neuerungen in Deutschland.

Erasmus+ für die Zukunft aufgestellt

Die neuen Förderangebote und -instrumente, erlauben es Erasmus+ die gegenwärtigen Herausforderungen noch wirkungsvoller aufzugreifen und zu gestalten. Im Bereich der Inklusion und sozialen Teilhabe ist dies möglich Dank der Zusammenarbeit mit dem Europäischen Sozialfonds (ESF+). Für deutsche Hochschulen konnten hieraus – einzigartig in Europa bisher - zusätzlich 57 Mio. Euro insgesamt eingeworben werden. Besonders unterstützt werden damit zum Beispiel Menschen mit Behinderung, mit Kindern, aus nicht-akademischen Elternhäusern oder zur Studienfinanzierung arbeitende Studierende. Für sie wurde die Förderung um ein Top-Up von 250 Euro pro Monat aufgestockt.

Fördermöglichkeiten überzeugen

Von diesen Anreizen profitierten bereits kurz nach der Einführung rund 40 Prozent der geförderten Studierenden. So wurden zum Beispiel 17.346 Studierende mit geringeren Chancen gefördert. Seit 2022 erhalten Erasmus-Studierende aus nicht-akademischem Elternhaus das „Top-up“ obligatorisch. Im Aufruf 2021 war diese Förderung noch optional. Diese Änderung macht sich deutlich in den Zahlen bemerkbar: Während im Aufruf 2021 insgesamt 8,6 Prozent der ausreisenden Studierenden eine solche Zusatzförderung erhielten, waren es im Aufruf 2022 bereits 38,7 Prozent. Ferner wurden die Möglichkeiten zur Förderung von Kurzzeitaufenthalten im Ausland ausgebaut.  Dieses Angebot ist besonders attraktiv für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht für mehrere Monate ins Ausland gehen können. Es wird von den Hochschulen häufig auch im Rahmen der „Blended Intensive Programmes“ (BIPs) für Summer Schools oder Austausch von Lehr- oder Verwaltungspersonal genutzt. (s. Kasten)

Auch nachhaltiges Reisen wurde mit einem Aufstockungsbetrag von einmalig 50 Euro unterstützt: insgesamt reisten 16.265 Geförderte mit nachhaltigen Verkehrsmitteln wie dem Zug oder dem Fahrrad in ihr Austauschland, immerhin 32,6 Prozent der Geförderten. Von ihren besonderen und bereichernden Erfahrungen berichten einige Studierende auf unserer Website eu.daad.de.   

Die hohe Nachfrage nach Auslandsaufenthalten mit Erasmus+ belegt die Wirkung der Zusatzförderungen: Die Mobilitätszahlen (Studierenden- und Personalmobilität) stiegen im Vergleich zur Ausschreibung 2021 um 37 Prozent (von circa 37.000 auf circa 50.000 Mobilitäten). Diese Entwicklung erklärt sich durch das um 51 Prozent gestiegene Budget auf 157 Millionen Euro gegenüber 104 Millionen Euro bei einer gleichzeitigen Erhöhung der Förderraten durch die NA DAAD um 33 Prozent (Vergleich Aufruf 2022 zu Aufruf 2021).

Positive Effekte von Erasmus+

Die neuen Initiativen im Aufruf 2022 dienen dazu, die positiven Effekte von Erasmus+ zu stärken und auszubauen. So belegen aktuelle Studien, dass Erasmus+ das Verständnis für Migration und Diversität sowie die Offenheit für Neues fördert und interkulturelle Kompetenzen, Sprachkenntnisse, Kommunikationsfähigkeit sowie Selbstständigkeit verbessert. Die Erasmus+ Hochschulkoordinatoren und -koordinatorinnen widmen sich daher verstärkt den Themen Teilhabe und Inklusion sowie Digitalisierung und nachhaltige Mobilität. Sie tragen diese in ihre Hochschulen und verstärken die Kooperation mit anderen Einrichtungen innerhalb ihrer eigenen Institution wie mit regionalen Verbänden. Dadurch werden diese Themen weit über das individuelle Erleben der Studierenden hinaus sichtbar. Das gestiegene Budget unterstützt die Internationalisierung und damit die Attraktivität der Hochschulen, zum Beispiel auch durch die Förderung von Auslandsaufenthalten für Verwaltungspersonal.

Auf der Erfolgsspur

Angesichts dieser Erkenntnisse liegt es an den Hochschulen und den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern, sich weiterhin für die Entwicklung und Finanzierung von Erasmus+ für möglichst viele Teilnehmende einzusetzen. Agnes Schulze-von Laszewski, Leiterin des Referats Erasmus+ Leitaktion 1: Mobilität von Einzelpersonen, ordnet die bisherige positive Entwicklung entsprechend ein: „Es ist sehr erfreulich, dass nach der Corona-Pandemie und dem nahezu zeitgleichen Beginn der Programmgeneration 2021 – 2027 die deutschen Hochschulen mit großem Engagement alle Ziele des Erasmus-Programms unterstützen und sich dieses bereits im zweiten Jahr niederschlägt. Besonders die neuen Möglichkeiten für benachteiligte Personen und nachhaltiges Reisen wurden sehr gut eingeführt. Viele Geförderte konnten bereits davon profitieren.“

„Blended Intensive Programmes“ (BIPs)

BIPs sollen einen kurzen Studien- bzw. Fortbildungsaufenthalt im Ausland ermöglichen, der im Rahmen einer von Hochschulen gemeinsam angebotenen Veranstaltung durchgeführt wird. Die Aktion unterstützt damit die Entwicklung gemeinsamer Kurzzeitprogramme, die idealerweise in die Curricula der zusammenarbeitenden Hochschulen eingebettet sind. BIPs können Teil der bereits existierenden Lehrpläne der Hochschulen sein oder diese ergänzen. Sie können als neues Lehrformat etabliert oder als eine Erweiterung bestehender Formate mit zusätzlichen Merkmalen interpretiert werden. Ein zentrales Element der BIPs ist die verpflichtende virtuelle Komponente, die eine inhaltliche Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung der kurzen Mobilitätsphase ermöglicht. Umfang und Häufigkeit der virtuellen Komponente liegen im Ermessen der ausrichtenden Hochschulen und sind abhängig von den Lernzielen der jeweiligen Veranstaltung.

BIPs können und sollen auch Mitarbeitende an Hochschulen ansprechen und ermutigen, mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland Lerneinheiten zu konzipieren, die bisher wenig Erfahrung mit dieser Form der Zusammenarbeit gesammelt haben. Zugleich bietet das Format auch einen Zugang zur Auslandserfahrung für Studierende, denen längere Auslandsaufenthalte aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich sind. Für die Organisation und Umsetzung der BIPs stehen den zusammenarbeitenden Hochschulen flexibel einsetzbare Organisationsmittel zur Verfügung. 

Im Aufruf 2022 koordinierten deutsche Hochschulen insgesamt 120 BIPs. Diese ermöglichen es den Fachbereichen, niederschwellig Auslandserfahrung in die Studienabläufe zu integrieren und die Zusammenarbeit mit internationalen Partnerhochschulen zu intensivieren.

Weitere Informationen zu Blended Intensive Programmes auf der Website der NA DAAD.

1Die Auswertung erfolgt jeweils nach Abschluss aller Förderungen eines Aufrufs. 2022 konnten mit den beantragten Mitteln Auslandsaufenthalte von Juni 2022 bis August 2024 gefördert werden.