Europa im Herzen, Bildung im Sinn

Erinnerungen an Volker Gehmlich (1945–2025)
Spektrum
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Professor Volker Gehmlich war über Jahrzehnte eine feste Größe bei der Entwicklung der Europäischen Bildungsprogramme, insbesondere COMETT und ERASMUS, sowie bei der Gestaltung des »European Credit Transfer System« (ECTS). Anlässlich seines Todes erinnern Alan Smith und Marina Steinmann an sein Wirken, das vieles von dem, was wir heute mit Erasmus+ erreichen, erst möglich gemacht hat.

Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Köln und Leeds wurde Volker Gehmlich 1972 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Englisch an der Fachhochschule Osnabrück. 1977 bekam die Fachhochschule Osnabrück als erste Fachhochschule eine Million D-Mark an Zuschüssen für den Modellversuch »European Business Studies« sowie eine Förderung als »Gemeinsames Studienprogramm der Europäischen Gemeinschaft«. 

Volker Gehmlich erhielt etliche Auszeichnungen, unter anderem im Jahr 2000 den Preis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für herausragende Leistungen in der internationalen Hochschulzusammenarbeit. Ab 2005/2006 verantwortete er die Beschreibung von Lernergebnissen aller gestuften Studiengänge der Hochschule Osnabrück.

Volker Gehmlich war Initiator und Motor der Internationalisierung des Lehrangebots der FH Osnabrück. Dabei ging es ihm nie um persönliche Vorlieben, Eitelkeiten oder gar Effekthaschereien, sondern immer um das strategisch Richtige und politisch Machbare. Schon in den 1970er-Jahren verfolgte er seine Vision eines europäischen Hochschul- und Bildungsraums mit Augenmaß und unaufdringlicher Beharrlichkeit.
Professor Dr. Erhard Mielenhausen, Präsident a.D. der Hochschule Osnabrück

Alan Smith, erster Leiter des ERASMUS-Büros in Brüssel (1987–1992)

Ende April 2025 habe ich bei Volker Gehmlich angerufen: Die Nachricht von seiner angeschlagenen Gesundheit hatte auch seinen ehemaligen Brüsseler Kolleg*innenkreis erreicht. Es wurde ein unvergessliches Telefonat. Die vielen Jahre seit unserem letzten Kontakt waren sofort verflogen. Und trotz der Spuren seiner Krankheit war Volker exakt dieselbe freundliche, großzügige, positiv denkende, enthusiastische und humorvolle Person, die ich in Erinnerung hatte. Leider muss ich wohl einer der allerletzten Weggefährten gewesen sein, die noch einmal vor seinem unerwartet schnellen Tod mit ihm sprechen konnten.

Meine kollegiale Freundschaft mit Volker reicht bis in die späten 1970er-Jahre zurück, als ich für die operationelle Durchführung der EU-Zuschüsse zur Förderung »Gemeinsamer Studienprogramme« (»Joint Study Programmes«, JSP) verantwortlich war – im Nachhinein das Vorläuferprogramm von ERASMUS. Zwischen 1976 und 1987 schufen die JSP durch die Erprobung kreativer Modelle für die Hochschulkooperationen und den Aufbau von Vertrauen zwischen den beteiligten Personen wesentliche Grundlagen für das spätere ERASMUS und dessen Erfolg.

In dieser Aufbruchzeit war Volker ein wichtiger Kollege, zumal die Betriebswirtschaftslehre in der Modellentwicklung besonders stark vertreten war. Einige der damals entwickelten Doppeldiplomstudiengänge, darunter der schon 1977 bezuschusste Studiengang der FH Osnabrück mit britischen und französischen Partnern, gehören bis heute zu den ambitioniertesten und integriertesten Modellen dieser Kooperationsform.

Auch bei mehreren wichtigen Veranstaltungen auf europäischer Ebene wirkte Volker tatkräftig mit – so bereits bei der allerersten Tagung der JSP-Leiter*innen 1979 an der Universität Edinburgh.

Mit seinem Mix aus Wissenschafts-, Organisations- und Kommunikationskompetenz war Volker prädestiniert, über die institutionelle Hochschulkooperation hinaus zu weiteren wichtigen europäischen Initiativen beizutragen. So wirkte er schon in den 1980er Jahren beim zentralen Durchführungsbüro für das Programm zur Kooperation Hochschule-Wirtschaft (COMETT) erfolgreich mit, und insbesondere bei der Entwicklung, Umsetzung und stetigen Verfeinerung des ECTS spielte er eine prägende Rolle.

Mit Volker Gehmlich verliert die europäische Hochschulgemeinschaft einen kenntnisreichen, engagierten, kreativen und warmherzigen Mitstreiter für die gemeinsame Sache. Alle Kolleg*innen, die das Privileg und die Freude hatten, einen Teil der europäischen Wegstrecke mit ihm zu gehen, werden ihn sehr schmerzlich vermissen.

Das Programm ERASMUS (Akronym für »European Community Action Scheme for the Mobility of University Students«) startete 1987, war 1995–2006 Bestandteil des Programms SOKRATES, 2007-2013 des Programms für Lebenslanges Lernen und ging 2014 in Erasmus+ ein.

Volker war ein überaus angenehmer, enthusiastischer und kenntnisreicher Kollege, der immer bereit war, kreativ zur Lösung von Problemen beizutragen, kurzum: eine tragende Säule unserer Zunft! Ich erinnere mich besonders an ein ECTS-Treffen, zu dem er uns nach Osnabrück, ›Stadt des Friedens‹, eingeladen hatte. Frieden schaffen und Brücken zwischen den Völkern bauen – das war ein Herzensanliegen von Volker Gehmlich.
Peter van der Hijden, ehemaliger stellvertretender Leiter des Hochschulreferats, Europäische Kommission
Die Freundschaft mit Volker aus der Frühzeit des ECTS setzte sich auch später fort, als unsere Universität eine Doppelpartnerschaft mit der Uni und der FH Osnabrück einging. Neben seinem eminenten Engagement für die europäische Kooperation schätzte ich an ihm seine freundliche, warmherzige Art und seinen ausgeprägten Humor.
Fritz Dalichow, ECTS-Verantwortlicher beim ERASMUS-Büro Brüssel, später Beauftragter für Internationales an der University Derby (Großbritannien)

Marina Steinmann, Expertin für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit in der NA DAAD

An meinem ersten Tag im COMETT-Informationszentrum klingelte das Telefon. Ein freundlicher Professor stellte eine Reihe von Fragen, die ich nicht beantworten konnte, amüsierte sich über meine Aufregung, und ich leitete ihn schnell an den Chef weiter. Volker Gehmlich war von 1987 bis 1994 »Senior Programme Analyst« beim »Technical Assistance Office« für das COMETT-Programm der EG-Kommission, und das war mein erster Kontakt mit ihm. 

Vor allem für seine prägende Rolle beim Aufbau des ECTS in Erasmus, die ihm scherzhaft sogar den Titel »Papst des ECTS« einbrachte, wird Volker Gehmlich in die Annalen der europäischen Hochschulkooperation eingehen. Er verantwortete die zugrundeliegende Studie, leitete seit 1988 ein ECTS-Pilotprojekt[1], war »ECTS Counsellor«, Autor des »ECTS Users‘ Guide« und der »ECTS Key Features« sowie ab dem Jahr 2000 Koordinator der Nationalen Informations- und Beratungsstellen auf europäischer Ebene.

Volker Gehmlich war Mitglied der Lenkungsgruppe »Tuning Educational Structures in Europe« und begleitete dessen Anwendung in Zentral- und Osteuropa über TEMPUS sowie weitere Ableger. Im Auftrag der EG- später EU-Kommission oder nicht selten des DAAD beriet er deutsche, europäische und andere Hochschulen weltweit, unter anderem als ERASMUS-Experte. Seit 2004 unterstützte er außerdem als Bologna-Promotor bzw. Bologna-Experte des DAAD deutsche Hochschulen bei der Umsetzung von Reformen.

Neben seiner Haupttätigkeit an der Hochschule war er selbst Vertragsnehmer maßstabsetzender Pilotprojekte im Kontext von Curriculum-Entwicklung, Mobilität und Anerkennung und somit erster Tester vieler eigener »Erfindungen«. Selbstverständlich trat er auch als Autor oder Koautor vieler Publikationen und Studien in Erscheinung.

Maßgeblich beteiligt war er bei der Entwicklung der Qualifikationsrahmen EQF, EQR und DQR sowie sektoraler Orientierungs- und Qualifikationsrahmen. Von seiner Expertise als Gutachter und Berater profitierten auch Akkreditierungsorganisationen sowie zahlreiche Arbeitsgruppen zu unterschiedlichsten Themen der europäischen und internationalen Hochschulkooperation. Bei unzähligen Beratungsbesuchen und Vorträgen auf Konferenzen – seine Präsentationen waren stets für jeden Anlass individuell und kreativ gestaltet – verlor er nie den Überblick oder die Geduld, sei es mit unbedarften Rückfragen oder mit hartnäckigem Widerspruch.

Ob es um Auskunft, Beratung, einen Vortrag, Artikel, Beitrag, eine Empfehlung oder ein Gutachten ging, Volker Gehmlich konnte nie »Nein« sagen. Vielleicht auch, weil diese Antwort nicht in sein schier unerschöpfliches Repertoire gehörte, gab es irgendwann die Krankheit, die ihm Einhalt gebot.

Im Namen aller, die von seinem Wissen und seiner Großzügigkeit, dieses für die unterschiedlichsten Kontexte zur Verfügung zu stellen, profitiert haben, sage ich: Danke für alles!

[1] Siehe auch DAADeuroletter 73, Seiten 20 bis 23

Volker war in unserem Büro für die Entwicklung der Industriepraktika für Studierende in anderen europäischen Ländern sowie für die Förderung von COMETT in Deutschland zuständig – eine zum Teil heikle und herausfordernde Rolle, für die er mit seiner ganzen Expertise wie geschaffen war. Vor allem war Volker aber ein sehr liebenswürdiger Mensch und ein von uns allen im Team besonders geschätzter Kollege.
Ed Prosser, erster Leiter des COMETT-Büros, Brüssel
Wir alle hatten guten Grund, ihn zu schätzen – in der Hochschulwelt war Volker ein Leuchtturm im wahrsten Sinne des Wortes.
Professor Dr. Leo Gros, von 2007 bis 2013 gemeinsam mit Volker Gehmlich im Team der Bologna-Experten des DAAD