Lehrkräftebildung europäisch gedacht

„Teacher Academies“ – Erfolgsmodell soll fortgesetzt werden
Bericht
Lesezeit: 5 min
Text: Volker Frechen & Susanne Reich

Angehende und praktizierende Lehrkräfte stehen europaweit vor der gleichen Aufgabe: Die Anforderungen an den Beruf und dessen vielfältiges Aufgabenfeld steigen, ohne dass die allermeisten Lehrerinnen und Lehrer dazu adäquat aus- bzw. fortgebildet werden – digitale Medien werden präsenter, Klassenverbände bunter und häufig mehrsprachig, aufgrund unterschiedlicher Herkunft der Kinder. Soziale Polarisierung nimmt zu, während das Vertrauen in demokratische Werte in Teilen der Gesellschaften schwindet. Gleichzeitig unterscheiden sich Ausbildungssysteme und Fortbildungsstrukturen für Lehrkräfte wie auch der Umgang mit Herausforderungen von Land zu Land erheblich. 

Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission mit den Erasmus+ „Teacher Academies“ 2021 eine Maßnahme geschaffen, die Austausch und Vernetzung ankurbeln, aber auch die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften optimieren will. Die Grundidee ist ebenso einleuchtend wie ambitioniert: Gesellschaftliche Entwicklungen sind selten regional begrenzt. Bildungserfordernisse enden daher nicht an nationalen Grenzen. Querschnittsthemen wie Digitalisierung, Inklusion und Demokratiebildung sind länderübergreifend von Belang. Daher erscheint es sinnvoll, durch innereuropäische Zusammenarbeit Ressourcen zu bündeln. 

 

Langfristige Partnerschaften für nachhaltige Änderungen

Statt punktueller Austauschmaßnahmen setzen „Teacher Academies“ auf mehrjährige strategische Partnerschaften, in denen Hochschulen, Fortbildungsinstitute, Schulen, Bildungsbehörden und -verbände aus mehreren europäischen Ländern genau dazu zusammenarbeiten; gemeinsam entwickeln sie Lernmodule und Kurse für die Lehrkräfteausbildung, die sich z. B. mit dem Aufbau digitaler Kompetenzen von Lehrkräften, mit Demokratiebildung oder Nachhaltigkeitsthemen im Unterricht befassen. Oder sie unterstützen Schulen bei der Erprobung neuer Lehrmethoden wie Fernunterricht und Blended Learning. Gefördert werden dabei nicht einzelne Einrichtungen oder Personen, sondern ein Verbund von mindestens sechs Institutionen aus mindestens vier Erasmus-Programmländern.

Durch die Kooperation von Bildungsakteuren unterschiedlicher Bildungsbereiche aus verschiedenen Ländern werden Synergien genutzt. Sie helfen dabei, konkrete Ausbildungsmodule für Lehrkräfte zu erarbeiten, die länderübergreifend funktionieren – etwa zum Umgang mit Querschnittsthemen oder auch zur Steigerung der MINT-Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Außerdem lassen sich dadurch strukturelle Änderungen in der Lehrkräftebildung, die diese Themen aufnehmen, leichter bewirken. So ist die Mobilität von Lehrkräften ein wichtiges Ziel der „Teacher Academies“: Der Einblick in eine andere Kultur, ein anderes Bildungssystem und einen anderen Umgang mit Diversität, Inklusion etc. erweitern die Fähigkeiten von Lehramtsstudierenden und verschaffen neue Perspektiven. Um Lehramtsstudierenden diesen internationalen Austausch überhaupt zu ermöglichen, ist es beispielsweise ein wichtiger Aspekt, Mobilitätsfenster in deren Curricula zu schaffen, damit ein Auslandsaufenthalt nahtlos ins Studium eingebunden werden kann. 

‚Teacher Academies‘ können einen echten ‚Impact‘ erzeugen, da sie die Zusammenarbeit über alle Stakeholder-Gruppen hinweg erlauben, die in der Lehrkräftebildung beteiligt sind, – und das im internationalen Austausch.“
Dr. Marie Vanderbeke, „Professional School of Education“ der Ruhr-Universität Bochum

Europäische Antworten auf gemeinsame Herausforderungen

Dass „Teacher Academies“ ein geeignetes Modell dafür sind, die gesteckten Ziele für die Ausbildung von Lehrkräften an der eigenen Hochschule zu erreichen, bestätigt Dr. Marie Vanderbeke von der „Professional School of Education“ (PSE) an der Ruhr-Universität Bochum aus eigener Erfahrung: „‚Teacher Academies‘ können einen echten ‚Impact‘ erzeugen, da sie die Zusammenarbeit über alle Stakeholder-Gruppen hinweg erlauben, die in der Lehrkräftebildung beteiligt sind, – und das im internationalen Austausch.“ Die PSE hat mit dem Projekt „TESTEd“ (siehe Infokasten) eines von elf, in der ersten Förderrunde bewilligten Projektvorhaben initiiert und koordiniert. 

Bewilligte Projektkonsortien werden über drei Jahre mit bis zu 1,5 Millionen Euro bezuschusst. Die Programmlinie ist somit finanziell gut aufgestellt – für Kooperationsprojekte dieser Größe eine unabdingbare Voraussetzung. So betont Vanderbeke: „Ein solches Projekt kann ohne EU-Finanzierung nicht gestemmt werden. Insbesondere die Vernetzung zwischen den beteiligten ‚Stakeholdern‘, die ein solches Projekt benötigt, muss finanziell gefördert werden, damit Partner sich in Präsenz treffen können und so intensiver in den Austausch kommen.“

Die dreijährige Förderung der ersten Auswahlrunde ist inzwischen ausgelaufen. Zeit für ein erstes Fazit: „Die Ergebnisse sprechen für eine Fortführung des Programms“, so die Einschätzung von Dr. Marie Vanderbeke. 

Ausgezeichnete Projektvorhaben

„Teacher Academies“ gehören in Erasmus+ zu den Partnerschaften für Exzellenz. In der Programmgeneration 2021 bis 2027 wurden sie bisher viermal ausgeschrieben. Insgesamt wählte die EU-Kommission 61 Projektvorhaben zur Förderung aus. Voraussichtlich 2027 erfolgt die nächste Ausschreibung. 

Die Projektbewilligung ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. „Die Antragstellung ist sehr kompetitiv, und nur ausgezeichnete Anträge haben die Chance auf eine Förderung“, sagt Carina Fazius von der Nationalen Agentur für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit im DAAD (NA DAAD). Als Referentin für Partnerschaften und Kooperationsprojekte berät Fazius Hochschulen zur Antragstellung für Lehrkräfteakademien. „Wir raten den Hochschulen, frühzeitig mit der Antragsvorbereitung zu beginnen und das Beratungsangebot der NA DAAD zu nutzen.“ 

Das Interesse deutscher Hochschulen an der Programmlinie ist groß. Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern wird als sehr gewinnbringend empfunden. Auch aus finanzieller Perspektive ist die EU-Förderung äußerst attraktiv und bietet Raum für zahlreiche gemeinsame Projektaktivitäten.
Carina Fazius, Nationale Agentur für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit im DAAD

Innovation durch Kooperation

Bereits bei der ersten Ausschreibung im Jahr 2021 konnten drei Projektvorhaben unter deutscher Koordination überzeugen. Federführend waren hierbei die Pädagogische Hochschule Freiburg, die Technische Universität Dresden und die Ruhr-Universität Bochum. Auch an den nachfolgenden Auswahlrunden 2022, 2024 und 2025 haben vergleichsweise viele Bildungsakteure aus Deutschland erfolgreich teilgenommen.

„Das Interesse deutscher Hochschulen an der Programmlinie ist groß“, unterstreicht Fazius, „Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern wird als sehr gewinnbringend empfunden. Auch aus finanzieller Perspektive ist die EU-Förderung äußerst attraktiv und bietet Raum für zahlreiche gemeinsame Projektaktivitäten: die Entwicklung innovativer europäischer Lernmodule für die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften oder Maßnahmen zur Steigerung der Mobilität, zum Beispiel in Form von Sommerschulen oder Studienaufenthalten für Studierende und Lehrkräfte.“

 

Blaupause für europäische Lehrkräftebildung

Fazius ist überzeugt, dass die „Teacher Academies“ weiterlaufen sollten. „Der Bedarf an Lehrkräften mit hoher interkultureller Kompetenz in heterogenen Klassenzimmern wächst. Lehrerinnen und Lehrer von heute müssen die Fähigkeit haben, andere Perspektiven einzunehmen, und sich – neben der Vermittlung des klassischen Unterrichtsstoffs – vermehrt mit fächerübergreifenden gesellschaftspolitischen Themen befassen. Die ‚Teacher Academies‘ bieten eine Vielzahl von Lösungen an, wie diese länderübergreifenden Querschnittsthemen in den Schulunterricht integriert werden können.“ So befasst sich ein Projekt der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt („SmartStart“) mit KI-basierten Anwendungen und digitalen Medien in Grundschulen, während eine „Teacher Academy“ der Universität zu Köln („Teacher Education for a Future in Flux“) die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften in den Bereichen Digitales, Umwelt, Inklusion und Well-Being angeht.  
Die Herausforderung, Mobilitätshindernisse zu beseitigen und hier passende Lösungen für physischen und virtuellen Austausch zu entwickeln, wird die europäische Lehrkräftebildung auch in der Zukunft weiter beschäftigen. Umso erfreulicher sind die Bestrebungen der Europäischen Kommission, die „Teacher Academies“ auch in der Erasmus+ Programmgeneration ab 2028 fortzuführen.

 

Die ERASMUS+ „Teacher-Academy“ „Towards a European Syllabus in Teacher Education“ (TESTEd) ist mit dem Ziel gestartet, Querschnittsthemen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Demokratiebildung in die Lehrkräftebildung einzubringen. Zu diesem Zweck hat das TESTEd-Konsortium einen Europäischen Syllabus erarbeitet, der sich an in der Lehrkräftebildung tätige Dozentinnen und Dozenten richtet. Dieser Leitfaden gibt ihnen Methodik und Lehrbeispiele an die Hand, mit denen sie ihrerseits angehende Lehrkräfte dabei unterstützen können, relevante Kompetenzen für das Unterrichten von Querschnittsthemen zu erwerben. Darüber hinaus sind im TESTEd Projekt weitere Aus- und Weiterbildungsformate sowie verschiedene Publikationen entstanden.

Das TESTEd-Konsortium bestand aus fünf Universitäten – der Ruhr-Universität Bochum (Deutschland), dem University College Cork (Irland), der University of Oulu (Finnland), der Universidad de Sevilla (Spanien) und der Universidade Católica Portuguesa (Portugal) –, dem Weiterbildungsanbieter AKADEMIE der Ruhr-Universität, elf Schulen sowie „Critical Friends“ aus Bildungsverwaltung, Regierungsbehörden, Lehrkräftegewerkschaften und weiteren relevanten Akteursgruppen. Die Projektlaufzeit von TESTEd war von Juni 2022 bis Mai 2025. Weitere Informationen sowie alle Publikationen finden Sie auf der TESTEd-Projektwebseite: https://tested-network.eu/

 

Weiterführende Links

Das vollständige Interview mit Dr. Marie Vanderbeke von der Ruhr-Universität Bochum und Carina Fazius von der NA DAAD lesen Sie hier im DAADeuroletter.

Weitere Informationen finden Sie im neuen NA DAAD-Infoblatt zum Thema Lehrkräftebildung und Erasmus+