Mit Austausch auf dem Weg in die EU

Erasmus+ weltweit und der Schwerpunkt Westbalkan
Für die Praxis
Lesezeit: 6 min
Text: Marco Stenzel

Seit 2015 ermöglicht die „International Credit Mobility“ (ICM, Programmlinie KA107/KA171) den Austausch von Studierenden und Hochschulpersonal mit Partnerländern weltweit. Die Förderung soll bestehende Partnerschaften stärken und neue Kooperationen anbahnen, beispielsweise in den Bereichen gemeinsame Forschungsprojekte, Curriculumentwicklung oder Erasmus+ „Cooperation Partnerships“. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Region Westbalkan zu. Drei Projektbeispiele der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) und der Technischen Universität Dresden (TU Dresden) zeigen, wie der Austausch mit Ländern des Westbalkans erfolgreich für die eigene Internationalisierungsstrategie genutzt werden kann.

So ermöglicht beispielsweise das Programm „Get Balkanised!“ der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg Studierenden in diesem Rahmen seit 2020, ein gefördertes Praktikum im Westbalkan zu absolvieren. Ziel ist es, akademisches Lernen mit praktischer internationaler Berufserfahrung zu verbinden und gleichzeitig die Zusammenarbeit zwischen der Hochschule, zivilgesellschaftlichen Organisationen, internationalen Institutionen und Unternehmen in der Region zu stärken.

Das Programm „Get Balkanised!“ der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

  • Partnerländer: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Montenegro sowie die Programmländer Nordmazedonien und Serbien
  • Partnerorganisationen vor Ort: internationale Entwicklungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Wirtschaftsförderungsinstitutionen sowie Unternehmen mit regionalem Bezug
  • Anzahl der Praktikumsplätze: 20 pro Jahr (werden von der H-BRS akquiriert)
  • Start des Bewerbungsverfahrens: Oktober, anschließend treffen Praktikumsgeber eine Auswahl
  • Praktikumsbeginn: ab Februar/März des Folgejahres
  • Praktikumsdauer: 2-5 Monate
Die Förderung durch Erasmus+ KA171 (…) ermöglicht es unseren Studierenden, den westlichen Balkan nicht nur als eine Nachbarregion der EU kennenzulernen, sondern dort konkrete berufliche Praxis- und Transformationserfahrungen zu sammeln.
Prof. Dr. Michael Sauer, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Prof. Dr. Michael Sauer

„Blended Mobility“ intensiviert Zusammenarbeit

Und auch die Technische Universität Dresden pflegt eine enge Zusammenarbeit mit der Privatuniversität EPOKA in Tirana, Albanien. Diese hat sich in den vergangenen Jahren zu einer strategischen Partnerschaft in den Bereichen internationale Hochschulkooperation, digitale Lehre und Studierendenmobilität entwickelt. Die Kooperation entstand ursprünglich im Rahmen des Erasmus+ Projekts VALEU-X und wurde anschließend mit ICM-Fördermitteln weiter ausgebaut. Durch die in der laufenden Erasmus+ Programmgeneration geschaffenen Möglichkeiten von sogenannten Blended-Mobilitäten hat sich die Zusammenarbeit nochmals intensiviert. Die Besonderheit dieser Blended-Mobilitäten liegt darin, virtuelle Zusammenarbeit und Lehre mit einem Austausch vor Ort zu kombinieren. 

Viele Benefits für Studierende

Im Mittelpunkt von „Get Balkanised!“ stehen die Förderung internationaler Mobilität, der Erwerb interkultureller Kompetenzen, die berufliche Qualifizierung sowie die vertiefte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in den Ländern des Westbalkans. Die Teilnehmenden sammeln praktische Erfahrungen in internationalen Arbeitsumfeldern und bauen gleichzeitig nachhaltige Netzwerke für ihre weitere akademische und berufliche Laufbahn auf.

„Die Förderung durch Erasmus+ KA171 ist für unser Programm ‚Get Balkanised!‘ von zentraler Bedeutung“, betont Michael Sauer, Professor am Fachbereich Sozialpolitik und Soziale Sicherung an der H-BRS, „sie ermöglicht es unseren Studierenden, den westlichen Balkan nicht nur als eine Nachbarregion der EU kennenzulernen, sondern dort konkrete berufliche Praxis- und Transformationserfahrungen zu sammeln.“ Zur Vorbereitung besuchen die Studierenden einen Kurs mit Informationen zur Geschichte der Region, den kulturellen und sozioökonomischen Hintergrund und der Vermittlung erster Sprachfertigkeiten. 

Gemeinsam virtuell lernen

Während beim Projekt der H-BRS noch die „klassische“ Mobilität im Mittelpunkt steht, zielen die Aktivitäten der TU Dresden mit der EPOKA University stark auf das von der TU entwickelte Konzept des „Virtual Collaborative Learning“ (VCL) bzw. „Collaborative Online International Learning“ (COIL) ab. Studierende der TU Dresden und der EPOKA University arbeiten hier über mehrere Wochen in internationalen, interdisziplinären Teams an praxisnahen Projekten. Ziel ist es dabei, fachliche, digitale und interkulturelle Kompetenzen zu stärken. 

Auftakt des COIL-Projekts in Dresden 2024
Auftakt des COIL-Projekts in Dresden 2024 

Auftakt des COIL-Projekts in Dresden 2024

Innovative Konzepte für urbane Herausforderungen

Ein Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Dresden und Tirana ist das Modul Conceptualizing Tirana as a Smart Cityaus dem Jahr 2024. Studierende beider Universitäten entwickelten gemeinsam in interdisziplinären Arbeitsgruppen speziell auf die albanische Hauptstadt zugeschnittene Konzepte für urbane Herausforderungen und innovative Smart-City-Lösungen. Das Projekt kombinierte die Vorteile des Präsenz- und Onlinelernens, digitale Kollaboration, wissenschaftliche Betreuung und Praxiskontakte zu öffentlichen Institutionen, um ein einzigartiges und ansprechendes Bildungserlebnis im internationalen Rahmen zu schaffen. 

Das Modul beinhaltete eine Auftaktwoche mit Workshops in Präsenz in Dresden mit Studierenden der TU Dresden und der EPOKA University, gemeinsame Onlineprojektarbeit in Teams über acht Wochen – begleitet von eigens dafür geschulten E-Tutoren und -Tutorinnen –, eine Abschlusswoche mit Präsentationen der Ergebnisse in Präsenz in Tirana sowie kulturelle und fachliche Exkursionen. 

„Summer School“ in Tirana

Ein weiteres Beispiel für durch KA171 geförderte „Blended Mobility“ ist die vom „Center for Open Digital Innovation and Participation“ (CODIP) der TU Dresden organisierte jährliche „Summer School Education and Technology“ für Doktorandinnen und Doktoranden. An der Sommerschule sind neben der TU zehn weitere Partnerhochschulen aus Österreich, Frankreich (2), Norwegen, Indonesien, Brasilien, Deutschland (2), Albanien und Chile beteiligt. 

Im Jahr 2025 fand die „Summer School“ an der EPOKA University statt. Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Expertinnen und Experten diskutierten interdisziplinär und in praxisorientierten Workshops über die Zukunft von VCL, COIL und künstlicher Intelligenz in der Hochschulbildung und die Frage, wie Digitalisierung und Internationalisierung die Hochschulbildung neugestalten und zu nachhaltigen und inklusiven Lernökosystemen beitragen können. 

Kombination von virtuellen und Präsenzphasen überzeugt

Die „Summer School“ war dabei in drei Phasen gegliedert, auf eine erste Onlinephase folgte eine Präsenzphase in Tirana und abschließend eine zweite Onlinephase zur Reflektion. Die Teilnehmenden hoben dabei die Vorteile der Kombination aus virtuellen und physischen Elementen hervor. So betonte die Teilnehmerin Belkais Kebir, Promotionsstudentin der TU Dresden: „Sowohl die virtuelle Vorbereitungsphase als auch die Präsenzphase haben meine fachlichen Kenntnisse erweitert und mir wichtige Impulse für mein Promotionsvorhaben gegeben.“ Dr. Mattis Altmann, Koordinator der gemeinsamen Lehr- und Kooperationsaktivitäten mit der EPOKA University, hebt hervor, „dass aus den ersten COIL- und VCL-Formaten sehr schnell eine viel größere Kooperationslinie entstanden ist“, und unterstreicht, dass „diese Entwicklung mich fachlich und persönlich enorm vorangebracht (hat), weil ich sehen konnte, wie digitale Internationalisierung nicht nur als Konzept funktioniert, sondern ganz konkret Beziehungen, Lernprozesse und neue Forschungsfragen entstehen lässt.“

Die Förderung durch KA171 geht dabei über die reine Studierendenmobilität hinaus, denn sie ermöglicht der TU 

  • Gastaufenthalte von Lehrenden und Hochschulpersonal,
  • die Qualifizierung von E-Tutorinnen und -Tutoren, die internationale Projektgruppen während der Onlinephasen begleiten,
  • die Entwicklung innovativer (virtueller) Lehr- und Lernformate,
  • eine langfristige institutionelle Zusammenarbeit und eine gemeinsame Curriculum-Entwicklung sowie
  • Praxisprojekte, interkulturelles Lernen und die Herausbildung interkultureller Kompetenzen.
Besonders wertvoll ist es, dass wir in dieser Förderlinie auch die Möglichkeiten haben, innovative Lehr- und Studienformate umzusetzen, bei denen physische Kurzzeitaufenthalte mit virtuellen Arbeitsphasen kombiniert werden können.
Tabea Gösche, Technische Universität Dresden
Porträt Tabea Gösche

Förderung als wichtiger Baustein der Internationalisierung

„Im Rahmen von KA171 zeigt sich immer wieder, wie aus einzelnen Mobilitäten langfristige Kooperationen entstehen – etwa durch gemeinsame Forschungsprojekte, neue Kontakte zwischen Arbeitsgruppen oder die internationale Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, erläutert die Projektkoordinatorin für Erasmus+ weltweit an der TU Dresden Tabea Gösche und fährt fort: „Besonders wertvoll ist es, dass wir in dieser Förderlinie auch die Möglichkeiten haben, innovative Lehr- und Studienformate umzusetzen, bei denen physische Kurzzeitaufenthalte mit virtuellen Arbeitsphasen kombiniert werden können.“ Sandy Eisenlöffel, Erasmus+ Koordinatorin an der TU Dresden, betont: „Die weltweite Förderung im Rahmen von Erasmus+ KA 171 ist dabei inzwischen ein zentraler Baustein der strategischen Internationalisierung der TU Dresden und stellt für uns eine rare Förderoption zur Schaffung nachhaltiger Beziehungen und Diversifizierung unseres Mobilitätsportfolios mit vielen Regionen der Welt dar.“

KA 171 ist (...) inzwischen ein zentraler Baustein der strategischen Internationalisierung der TU Dresden und stellt für uns eine rare Förderoption zur Schaffung nachhaltiger Beziehungen und Diversifizierung unseres Mobilitätsportfolios mit vielen Regionen der Welt dar.
Sandy Eisenlöffel, Technische Universität Dresden
Sandy Eisenlöffel

Auch an der H-BRS ermöglicht das durch KA171 geförderte Projekt „Get Balkanised!“ die (langfristige) Kooperation mit Partnern vor Ort und trägt so unmittelbar zur Internationalisierungsstrategie der Hochschule bei. Die Förderung, so Sauer, stärkt „nachhaltige Partnerschaften, fachliche Netzwerke und eine Internationalisierung, die Europa über Begegnung, Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen erfahrbar macht.“ Gleichzeitig unterstützt der Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft bei den Studierenden die Entwicklung globaler und interkultureller Kompetenzen und dadurch wie auch die Projekte der TU die europäische Bildungszusammenarbeit und Vernetzung zwischen der EU und den Ländern des Westbalkans. 

Dank der Förderung können wir als Hochschule gezielt unsere Partnerschaften im Westbalkan weiter ausbauen. (...) es stärkt auch unsere Position als international ausgerichtete Hochschule (…) – mit greifbaren Vorteilen für Forschung, Lehre und Wissenstransfer.
Sally Brammer, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Sally Brammer

Greifbare Vorteile und Erfolge

Für Sally Brammer, Koordinatorin Studierendenmobilität mit Nicht-EU-Ländern an der H-BRS, liegen die Vorteile von ICM klar auf der Hand: „Dank der Förderung können wir als Hochschule gezielt unsere Partnerschaften im Westbalkan weiter ausbauen. Dabei profitieren nicht nur einzelne Mitarbeitende und Studierende, sondern es stärkt auch unsere Position als international ausgerichtete Hochschule für Angewandte Wissenschaft – mit greifbaren Vorteilen für Forschung, Lehre und Wissenstransfer.“

Ob Auslandspraktika oder „Blended Mobility“ – die Beispiele veranschaulichen eindrücklich, welche positive Wirkung die Programmline auf nachhaltige Kooperationen mit Ländern des Westbalkans hat, zum Nutzen aller Beteiligten und Europas. 

Die Region Westbalkan

Die Staaten Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo sowie Montenegro sind Erasmus+ Partnerländer und werden innerhalb von Erasmus+ als eigene Förderregion geführt. Mit Ausnahme des Kosovo sind diese Länder seit mehr als 20 Jahren Mitglieder des Europäischen Hochschulraums. Alle vier Länder sind EU-Beitrittskandidaten und sollen in der neuen Programmgeneration den Status von Erasmus+ Programmländern erhalten. Serbien und Nordmazedonien als weitere Staaten des Westbalkans haben diesen Status bereits inne. Kooperationen laufen in diesen Fällen nicht über KA171, sondern über die Erasmus+ Programmlinien zwischen Programmländern, wie beispielsweise KA131.

Die Bedeutung der Förderregion für Erasmus+ lässt sich unter anderem daran ablesen, dass das Budget für diese Region fast ein Sechstel des Gesamtbudgets der Programmlinie KA171 ausmacht und in den Top 10 der Partnerländer gemessen an der Anzahl der Kooperationen mit Bosnien-Herzegowina, Albanien und Kosovo gleich drei Länder der Region vertreten sind. 

Die EU betrachtet den Westbalkan als strategisch wichtige Region für Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und europäische Integration. Erasmus+ und die Programmlinie sind hier Hebel, um Hochschulen enger mit dem europäischen Hochschulraum zu vernetzen und Reformprozesse im Hochschulwesen zu unterstützen.