Studentisches Engagement für Europa

Ehrenamt fördert Weltoffenheit an Schulen und Hochschulen
Bericht
Lesezeit: 6 min
Text: Susanne Reich

Europa lebt vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger – sei es im Alltag, im gesellschaftlichen Diskurs oder in politischen Prozessen. Erasmus+ will mit der transversalen Priorität „Teilhabe am demokratischen Leben“ genau dieses Interesse fördern, Wissen schaffen und das Bewusstsein für europäische Perspektiven schärfen. Durch die gezielte Stärkung der europäischen Identität und die Unterstützung aktiver Beteiligung entstehen Räume für Austausch, eigenverantwortliches Handeln und zivilgesellschaftliches Engagement. 

Ein Grund für die NA DAAD, im Zusammenhang mit Partizipation auch den Blick auf die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements von Studierenden zu lenken. Die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Lokalen Erasmus+-Initiativen (LEI), das Programm „Europa macht Schule“ (EmS) und seine Programmlinie „Back to School“ (BtS) tragen im Sinne von Erasmus+ dazu bei, Barrieren abzubauen und demokratisches Denken und Handeln in Europa zu stärken. Dies wird erreicht, indem soziale und interkulturelle Kompetenzen, kritisches Denken und Medienkompetenz gefördert werden. Lassen Sie sich von ausgewählten Beispielen inspirieren, entdecken Sie das Potenzial von Partizipation an Hochschulen (siehe auch: Mit Erasmus+ Zukunft gestalten: Demokratische Teilhabe als Schlüssel zu europäischer Gemeinschaft) für die europäische Zusammenarbeit und erfahren Sie wie sie diese aktiv mitgestalten können.

Informieren und animieren

Die LEI sind studentische Hochschulgruppen, in denen engagierte Studierende deutscher Hochschulen ehrenamtlich ihre Mitstudierenden zu einem Auslandsaufenthalt als Studium oder Praktikum informieren und motivieren. Gleichzeitig helfen sie „Incomings“, sich an der Hochschule zu orientieren und unterstützen sie bei der Integration in das neue Umfeld. Als qualifizierte Ansprechpersonen beraten sie Studierende bei Fragen und Herausforderungen bezüglich eines Auslandsaufenthalts. Die ehrenamtlich engagierten Studierenden organisieren zudem vielfältige Veranstaltungen, die lokale und internationale Studierende zusammenbringen und den interkulturellen Austausch fördern. 

Ein gelungenes Beispiel dafür ist der Ausflug der LEI SWOP (Student Welcome and Orientation Project) Augsburg zum Schloss Neuschwanstein im Rahmen der „ErasmusDays“ im Oktober 2025, der eindrucksvoll zeigt, wie studentisches Engagement internationale Gemeinschaft stärkt und den Erasmus-Gedanken „United in Diversity“ lebendig werden lässt.

Über diese und weitere LEI-Aktionen berichten wir hier.

Für mich ist es fantastisch, so eine Veranstaltung mit so vielen Menschen zu organisieren. 70 Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen, die durch eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Thema verbunden sind, ist einfach großartig. Die diesjährige Wanderung zum Schloss war für mich etwas ganz Besonderes, da wir die ,ErasmusDaysʽ gefeiert haben und alle diesem Austausch und diesem neuen Abenteuer sehr aufgeschlossen gegenüberstanden.
Jonathan, Vorsitzender LEI SWOP Augsburg

Die eigene Kultur vorstellen und im Gastland ankommen

Das Programm „Europa macht Schule (EmS)“ fördert die Begegnung von Europäerinnen und Europäern. Seit 2021 können auch Studierende außerhalb Europas Projekte übernehmen, um die Sichtweise von internationalen Studierenden auf Europa zu integrieren. Das Programm wird von Studierenden eines Hochschulstandorts auf ehrenamtlicher Basis koordiniert. Europäische und internationale Studierende aus allen Teilen der Welt werden bei EmS zu Botschafterinnen und Botschaftern, indem sie ihr Heimatland und den Bezug zu Europa auf kreative Weise an Schulen in ganz Deutschland vorstellen.

Das Ziel von EmS ist es, den Blick aller Teilnehmenden auf die europäische Vielfalt zu lenken und somit das Verständnis füreinander zu stärken. Die Studierenden kommen so in Kontakt mit dem Alltag in Deutschland und kooperieren mit Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern. Letztere gewinnen durch das Programm erstes Interesse für einen eigenen Aufenthalt im Ausland und erhalten einen Einblick in eine andere Lebensweise und Kultur.

Fatih aus der Türkei, der am Erasmus-Programm teilnimmt, studiert Soziologie und BWL im Doppelstudium. Er interessiert sich für das soziologische Konzept der Migration und führt deshalb mit den Schülerinnen und Schülern ein Projekt zum Thema „Jenseits von Stereotypen: Türkische Identitäten verstehen“ durch. Während seiner Zeit in Deutschland ist er auf viele falsche Darstellungen von türkischen Identitäten gestoßen. Mit seinem EmS-Projekt wollte er diese Stereotype abbauen, indem er der Schulklasse verschiedene Lebensgeschichten nahebrachte und sie zum kritischen Nachdenken anregte. Hier geht es zum vollständigen Erfahrungsbericht.

Beflügelt von ihren Erfahrungen im Rahmen von EmS können internationale Studierende das Programm mit in ihr Heimatland nehmen und dort einen Standort aufbauen. Die AG International des Vereins „Europa macht Schule e.V.“ unterstützt die Auslandsstandorte dabei. Auf der Website gibt es nähere Infos zu den EmS-Auslandsstandorten.

Vom Auslandssemester schwärmen

„Back to School“ ist eine Programmlinie von „Europa macht Schule“. Mit ihr können Studierende deutscher Hochschulen Schulen in Deutschland besuchen – zum Beispiel ihre ehemalige Schule –, um den Schülerinnen und Schülern von ihrem Auslandssemester oder -praktikum zu berichten. Dadurch geben die Studierenden ihre positiven Erfahrungen weiter und machen sich für europäische Werte stark. Die Schülerinnen und Schüler erfahren etwas über andere Kulturen, den Reiz einer Auslandserfahrung und setzen sich frühzeitig mit der Idee auseinander, Ähnliches zu erleben. Diese Schülerinnen und Schüler kommen bereits als für Austauschprogramme sensibilisierte Studierende an die Hochschulen und sind leichter für die Angebote der International Offices erreichbar. Durch ihre Begeisterung und den persönlichen Kontakt tragen sie den Spirit von Erasmus+ weiter. 

Marcel Nashwan studiert Rechtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin und hat ein Auslandssemester in der Türkei absolviert. Er besuchte im Rahmen der Programmlinie „Back to School“ seine ehemalige Schule, das Wilhelm-Hittorf-Gymnasium in Münster, und ließ Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse an seinen Auslandserfahrungen teilhaben. 

In seinem Erfahrungsbericht schildert Marcel, wie er mit seinem Projekt „Europa erfahren – mit Blick auf Istanbul“ einen lebendigen Austausch in der Klasse gestaltete und dabei erfuhr, wie die Schülerinnen und Schüler Europa und Auslandserfahrungen heute wahrnehmen. Wir haben Marcel gefragt, wie es für ihn war, an Back to School teilzunehmen.

Über Grenzen hinweg

Das „Erasmus Student Network“ (ESN) ist eine nicht-kommerzielle, internationale Studierendenorganisation, die sich für ehrenamtliches Engagement im Sinne von Erasmus+ und Europa einsetzt . ENS unterstützt Austauschstudierende, die in der Regel über das Erasmus+ Programm vermittelt werden, bei der Integration vor Ort und greift übergeordnete politische Themen innerhalb seiner Community auf.

Ein Beispiel ist die europaweite Partnerschaft „Enriching Communities through Engaged Mobilities“ (ECEM), zwischen dem Erasmus Student Network (ESN), der Academic Cooperation Association (ACA), SGroup – Universities in Europe, dem Institute for Development in Education (IDE) und CitizensLab (CLab). 

Das Projekt zielt darauf ab, Maßnahmen zu entwickeln, um die Beteiligung von internationalen Studierenden an Initiativen zum bürgerschaftlichen Engagement zu erhöhen, interkulturelles Verständnis zu verbessern sowie durch freiwillige Aktivitäten einen nachhaltigen sozialen Wandel in der Gesellschaft zu bewirken. Ein Bericht vom Juli 2025 zeigt die 18 Freiwilligenaktivitäten, die zwischen dem 1. April und dem 19. Mai 2025 in elf Ländern von 13 ESN-Sektionen durchgeführt wurden. Jede Aktivität wurde von einem Team von ESN-Freiwilligen koordiniert und erreichte insgesamt 1.568 Teilnehmende. Somit ermöglichten die Bemühungen jeder und jedes Freiwilligen das Engagement von durchschnittlich 86 Personen, darunter sowohl internationale Studierende als auch Mitglieder der lokalen Gemeinschaft. Im Rahmen der Vorbereitung der studentischen Aktivitäten nahmen die für die Organisation Verantwortlichen an Coaching-Sitzungen teil. Dabei lernten sie, die Bedürfnisse der Gemeinschaft einzuschätzen, wirkungsvolle Aktivitäten zu planen, internationale Studierende sinnvoll einzubeziehen und die Ergebnisse ihrer Initiativen zu bewerten.

Vor der Europawahl 2024 hatte ESN außerdem im Rahmen des Projekts „Erasmus Generation in Action (EgiA)“ mit verschiedenen Events und Aktivitäten auf Rechte im Zusammenhang mit Mobilität  aufmerksam gemacht. Dabei war es der Organisation insbesondere wichtig, aufzuzeigen, wie Studierende, die sich derzeit nicht in ihrem Heimatland befinden, an den Wahlen teilnehmen können.

Engagement als Impuls für mehr Verbundenheit

Alle aufgezeigten Initiativen und Projekte haben eines gemeinsam: Sie fördern das Engagement junger Menschen, ermöglichen ihnen eine für die Gesellschaft sinnstiftende Erfahrung und binden sie in den europäischen Wertekanon (Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit) ein. Auch wenn Studierende, die sich ehrenamtlich in der lokalen Gemeinschaft engagieren, nach wie vor in der Minderheit sind, so gilt die Gewährleistung einer aktiven Bürgerschaft und Teilhabe an sozialen Maßnahmen als Schlüsselelement für eine inklusivere Mobilität und eine stärker integrierte Gesellschaft. Gewichtige Argumente, um diese und ähnliche Angebote an Hochschulen gerade im Rahmen von Erasmus+ zu unterstützen und aktiv einzubinden.