Teilnahme der Schweiz an Erasmus+ eröffnet neue Chancen

Interview mit Olivier Tschopp, Direktor der für Erasmus+ designierten Schweizer Organisation „Movetia – Austausch und Mobilität“
Im Gespräch
Lesezeit: 7 min
Text: Olivier Tschopp, Susanne Reich, Volker Frechen

Großbritannien kehrt 2027 als assoziierter Partner in das Erasmus+ Programm zurück. Auch in der Schweiz wird dieser Weg aktuell geebnet: Die Akkreditierung der Schweizer Organisation Movetia als Nationale Agentur durch die EU-Kommission ist in vollem Gang und erwartet gespannt den Parlamentsbeschluss über die zukünftige Beteiligung und die dafür erforderlichen Mittel. Für die europäische Bildungslandschaft wäre der Erasmus-Beitritt der Schweiz ein wichtiger Schritt hin zu einer noch stärkeren internationalen Zusammenarbeit.

Erasmus+ steht für grenzüberschreitende Bildung, kulturellen Austausch und gemeinsame Innovationen im multilateralen Kontext. Damit geht es über die bilateralen Kooperationen im Rahmen des bisherigen „Swiss-European Mobility Programme“ (SEMP) hinaus. Befürworter des Erasmus+ Beitritts in der Schweiz sehen darin nicht nur bildungspolitische, sondern auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Chancen.

Einer davon ist Olivier Tschopp, Direktor der Schweizer Institution „Movetia – Austausch und Mobilität“ mit Sitz in Bern. Sie setzt als Nationale Agentur diverse Förderprogramme um – insbesondere jene die als „Schweizer Lösung" die Andockung von Austausch und Kooperation an Erasmus+ seit 2017 ermöglicht. Mit der Reassoziierung an Erasmus+ wird sie diese Aufgaben weiterführen und ausbauen können. Tschopp hat im Gespräch mit Susanne Reich, Referentin Kommunikation in der Nationalen Agentur für Erasmus+ (NA DAAD), Fragen zum aktuellen Status des Beitritts für den DAADeuroletter beantwortet.

Susanne Reich: Herr Tschopp, Movetia bereitet die Schweizer Bildungsinstitutionen und Hochschulen darauf vor, ab 2027 wieder bei Erasmus+ mitzumachen. Was bedeutet die neuerliche Beteiligung an Erasmus+ strategisch für den Bildungs- und Innovationsstandort Schweiz?

Olivier Tschopp: Als weltweit größtes Förderprogramm für internationale Bildungszusammenarbeit ist Erasmus+ für Schweizer Hochschulen und Institutionen der höheren Berufsbildung nicht nur aus meiner Sicht von strategischer Bedeutung. Zum einen würde der Beitritt die Positionierung der Schweiz im europäischen Bildungs- und Forschungsraum wie auch im wirtschaftlichen Wettbewerb stärken. Zum anderen könnte die Schweiz bei aktiver Teilnahme künftige Bildungsstrategien mitgestalten. 

Erasmus+ ist einfach viel mehr als ein Austauschprogramm. Es ist ein Netzwerk für Bildung, Zusammenarbeit und zur Förderung von Innovationen und guter Praxis in Europa. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Herausforderungen ist der Zugang zu europäischen Allianzen, Netzwerken und Exzellenzinitiativen von zentraler Bedeutung. Aber auch die anderen Bildungsbereiche würden mittlerweile sehr profitieren von den Möglichkeiten von Erasmus+. Insofern würde die Beteiligung wesentlich dazu beitragen, Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Qualität des Standorts Schweiz langfristig zu sichern.

Porträt von Olivier Tschopp
Erasmus+ ist viel mehr ist als ein Austauschprogramm. Es ist ein Netzwerk für Bildung, Zusammenarbeit und zur Förderung von Innovation und guter Praxis in Europa.

Wechseln wir einmal die Perspektive. Welchen Mehrwert bringt die Partizipation der Schweiz aus Ihrer Sicht für den europäischen Hochschulraum insgesamt?

Die Schweiz ist allgemein bekannt für ihr hervorragendes Bildungssystem, das Innovation und Exzellenz hervorbringt. Diese Qualität würde stärker in den europäischen Hochschulraum eingebracht werden; auch, weil Schweizer Hochschulen – anders als beim gegenwärtigen Modell – Projekte anregen, leiten und in Konsortien eine führende Rolle einnehmen könnten. Für europäische Partnerinstitutionen ergäbe sich meines Erachtens mehr Planungssicherheit – sowohl strategisch als auch finanziell. Das erleichtert langfristige Kooperationen sowie gemeinsame Initiativen, etwa in den Bereichen Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit. 

Darüber hinaus brächte die Schweiz wichtige Impulse für Zukunftsthemen wie die Digitalisierung ein – etwa im digitalen Identitätsmanagement. Nicht zuletzt würde die Zusammenarbeit neue Möglichkeiten für transnationale Bildungsangebote sowie die gemeinsame Nutzung von Ressourcen eröffnen, zum Beispiel gemeinsame Professuren, geteilte Infrastrukturen und abgestimmte Curricula – insbesondere in strategisch wichtigen Feldern wie Ingenieurwissenschaften, Pflege und Wirtschaft. Ich bin mir sicher, die Schweiz trüge damit nicht nur zur qualitativen Weiterentwicklung, sondern auch zur strukturellen und strategischen Stärkung des europäischen Hochschulraums bei.

Gehen wir gedanklich von einer Zustimmung des Parlaments im Dezember aus. Was können europäische und schweizerische Hochschulen, die ab 2027 in die Zusammenarbeit treten möchten, bereits jetzt in die Wege leiten?

Europäische und schweizerische Hochschulen können in der Tat wichtige Vorbereitungen treffen, damit das Potenzial des Beitritts von Beginn an ausgeschöpft werden kann. Bereits jetzt können „Inter-Institutional-Agreements“ (IIA) oder „IIA-EWP“ (Erasmus Without Paper) zwischen Hochschulen vereinbart werden. Parallel dazu sollte die Mobilität angekurbelt werden und die damit verbundene Administration vereinfacht. Ich denke, es bietet sich an, bereits im Vorfeld gemeinsame KA2-Projekte zu entwickeln, bei denen schweizerische Hochschulen beteiligt sind oder gar deren Koordination übernehmen. Nicht zuletzt ist es entscheidend, Informationen breit in bestehenden Netzwerken zu kommunizieren, um Transparenz zu schaffen, die Beteiligten zu vernetzen und die Kooperation frühzeitig zu stärken.

Erasmus+ ist für die Zukunft der Bildungskooperation in Europa kein ‚Nice-to-have‘, sondern ein ‚Must-have‘.

Für unsere Leserinnen und Leser ist besonders interessant, was deutsche Hochschulen konkret dazu beitragen können, damit der Einstieg der Schweiz ab dem Call 2027 reibungslos gelingt?

Deutsche Hochschulen könnten zunächst einmal bestehende Kontakte pflegen und aktiv neue Kooperationen anstoßen. Ich empfehle ihnen, allen relevanten Zielgruppen – von Studierenden über Lehrende bis hin zu Verwaltungsmitarbeitenden – frühzeitig die Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des Austauschs mit Schweizer Bildungsakteurinnen und -akteuren aufzuzeigen. Als zentral sehe ich funktionierende administrative Abläufe und klare Zuständigkeiten an, damit Austauschformate ohne Verzögerung starten können.

Timeline

Am 10. November 2025 wurde in Bern das EU-Programmabkommen (EUPA) zwischen der Schweiz und der Europäischen Union unterzeichnet, das die Grundlage für eine Reassoziierung an Erasmus+ schafft. Im Juli 2026 erfolgt eine formelle Prüfung durch die Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur (DG EAC). Die DG EAC prüft im Auftrag der Europäischen Kommission, ob MOVETIA die Voraussetzungen als Nationale Agentur für Erasmus+ erfüllt. Im Dezember 2026 entscheidet das Schweizer Parlament schließlich, ob es mehrheitlich die Assoziierung befürwortet oder am Schweizer Modell festhalten wird.

Das führt mich direkt zur nächsten Frage: Welche Themen oder Unsicherheiten mit Blick auf die geplante Teilnahme der Schweiz an Erasmus+ begegnen Ihnen aktuell am häufigsten im Austausch mit europäischen Partnern?

Da ist zunächst einmal die Unsicherheit, ob das Parlament die formelle Genehmigung erteilt, und wie ein mögliches Referendum ausfiele. Diese Ungewissheit beeinträchtigt verständlicherweise die Planungssicherheit auf Seiten der Partnerinstitutionen. Gleichzeitig bemerke ich ein großes Interesse an einer verstärkten Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen. In der Praxis wird zudem häufig thematisiert, dass sich die Schweiz in bildungsspezifischen Strukturen von vielen europäischen Bildungsinstitutionen unterscheidet. Hier braucht es auf beiden Seiten Flexibilität und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Ein weiterer Aspekt betrifft die vergleichsweise hohen Lebens- und Arbeitskosten in der Schweiz. 

Schweizer Institutionen und Projektverantwortliche werden dagegen als äußerst effizient und zuverlässig wahrgenommen, was den Kosten-Faktor in der Praxis häufig relativiert. Insgesamt erkenne ich eine konstruktive Grundhaltung: Unter Schweizer Hoch- und Fachhochschulen herrscht eine klare Zustimmung für die Teilnahme an Erasmus+. Movetia unterstützt sie dabei, sich aktiv vorzubereiten. Und selbst bei ausbleibender Assoziierung bestünden Alternativen. Die Kooperation mit Schweizer Hochschulen bleibt also in jedem Fall eine attraktive Perspektive.

Porträt von Olivier Tschopp
Für die Schweiz als wissensbasierte Volkswirtschaft gilt: Investitionen in Bildung sind keine Kür, sondern eine Pflicht. Die Kosten einer Nichtassoziierung dürften langfristig höher ausfallen als jene einer Teilnahme.

Es gibt in der Schweiz Stimmen, die dem Beitritt kritisch gegenüberstehen, unter anderem wegen der damit verbundenen Kosten. Welche Vorteile sehen Sie, die diese Bedenken aufwiegen?

Zunächst einmal ist für mich das beste Argument für einen Beitritt, dass die Nachfrage nach Austausch da ist. Es gibt ein klares Wachstum bei der Anzahl an Mobilitäten in der Schweiz. Erasmus als Markenname ist superbekannt. Allerdings ist Erasmus für einige Leute – das hat sich in den letzten Monaten mehr und mehr herauskristallisiert – ein bisschen wie im Film „L’auberge espagnole“. Hier hat sich in den letzten Jahren nicht nur für die Hochschulbildung viel verändert. Das ganze Spektrum von Erasmus+ als Bildungsprogramm, nicht nur für Mobilität, sondern auch für Zusammenarbeit und Kooperation, auch in den Bereichen Jugend und Sport, ist nicht sonderlich bekannt. Das macht es nicht leichter, die Leute zu überzeugen.

Kritische Stimmen mit Blick auf die Kosten kann ich nachvollziehen. Sie greifen aber zu kurz. Auf lange Sicht überwiegen die Vorteile deutlich, sowohl strategisch als auch wirtschaftlich. Gerade in der aktuellen geopolitischen Lage ist es entscheidend, dass die Schweiz aktiv mitreden und mitgestalten kann. Die Zusammenarbeit im Bildungsbereich bietet dafür Raum und wird in Zukunft immer wichtiger, um knappe Ressourcen optimal zu nutzen. Diesem Bedürfnis trägt Erasmus+ Rechnung, indem es systematische Bildungskooperationen fördert, um Institutionen und Organisationen zu vernetzen und Kapazitäten aufzubauen. 

Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an Hochschulabsolventinnen und -absolventen rasant verändern. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, braucht die Wirtschaft Fach- und Führungskräfte, mit hohem Maß an Selbstständigkeit und Problemlösungsfähigkeit. Auch Anpassungsfähigkeit und Resilienz sind gefragt. Das sind alles Kompetenzen, die im Rahmen von Auslandsaufenthalten gestärkt werden. Für die Schweiz als wissensbasierte Volkswirtschaft gilt: Talent und Wissen sind ihre wichtigsten Ressourcen. Investitionen in Bildung sind daher keine Kür, sondern eine Pflicht. Die Kosten einer Nichtassoziierung würden, davon bin ich überzeugt, langfristig höher ausfallen als jene einer Teilnahme.

Sprechen wir auch noch über Ihre Rolle für die Teilnahme der Schweiz an Erasmus+. Movetia ist als Nationale Agentur der Schweiz für Erasmus+ benannt. Was bedeutet das für Ihre Organisation? Welche Vorbereitungen laufen bei Movetia mit Blick auf die mögliche Reassoziierung ab 2027?

Für unsere Organisation bedeutet dies vor allem, dass wir bereits jetzt aktiv daran arbeiten, einen reibungslosen Übergang sicherzustellen. Aktuell durchläuft Movetia ein sogenanntes „Ex-Ante Compliance Assessment“, also den Akkreditierungsprozess als Nationale Agentur, der demnächst abgeschlossen werden soll. Parallel dazu laufen seit über einem halben Jahr umfassende Vorbereitungsmaßnahmen für Hochschulen, Fachhochschulen und weitere Institutionen. 

Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der Kommunikation und Unterstützung bei administrativen Fragestellungen, insbesondere im Zusammenhang mit den „Erasmus Charter for Higher Education“-Anträgen, kurz „ECHE“. Wir organisieren regelmäßig Informationsveranstaltungen und auch die Movetia-Konferenz „Erasmus+ in der Schweiz“ im März 2026 stand ganz im Zeichen der Assoziierung. Um alle relevanten Stakeholder auf dem neuesten Stand zu halten, werden aktuelle Entwicklungen über den „Erasmus+ On The Road-Newsletter“ kommuniziert und durch Informationen auf unserer Webseite ergänzt. Für die breite Öffentlichkeit versuchen wir die Erasmus-Teilnahme über Social Media und den Fokus auf gute Praxisbeispiele ins Bewusstsein zu bringen.

Wenn wir in einigen Jahren zurückblicken: Woran ließe sich erkennen, dass der Wiedereinstieg ins Erasmus+ Programm ein Erfolg war?

Ein Erfolg wäre, dass sich ein spürbarer Effekt eingestellt hat und Politik, Privatsektor sowie Hochschullandschaft in der Schweiz mehrheitlich klar hinter Erasmus+ stehen. Darüber hinaus sollten Schweizer Bildungsinstitutionen innerhalb der europäischen Bildungslandschaft deutlich sichtbarer geworden sein, auch, weil sie häufiger die Koordination von Erasmus+ Kooperationsprojekten übernommen haben. Schweizer Projektverantwortliche wären zudem für ihre Effizienz, Kompetenz und Zuverlässigkeit bekannt und geschätzt. Das internationale Netzwerk der Schweizer Bildungslandschaft wäre doppelt so groß wie heute, transnationale Studiengänge wie etwa Erasmus-Mundus-Masterstudiengänge wären etablierter. 

Wir von Movetia sind zuversichtlich, dass es dazu kommt. Drücken Sie uns die Daumen!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tschopp.