Dr. Julia Zimmermann ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie der FernUniversität in Hagen. Sie hat von 2002 bis 2008 Diplom-Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Université de Bourgogne in Dijon studiert und 2012 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem psychologische Bedingungen und Konsequenzen (internationaler) Bildungsmobilität, Studienerfolg internationaler Studierender sowie interkulturelle und kulturvergleichende Psychologie
Ich habe Psychologie an der Uni Mainz studiert und war im Wintersemester 2004/05 für rund fünf Monate in Dijon (Frankreich).
Ich war total neugierig wie es ist, in einem anderen Land zu leben und zu studieren. Das Studium schien mir ein günstiger Zeitpunkt zu sein, um das herauszufinden. Ich hatte gehört, dass Psychologie in Frankreich zu studieren angeblich ganz anders ist als in Deutschland, und hoffte, viele Studierende aus anderen europäischen Ländern kennenzulernen. Meine Französischkenntnisse waren damals nicht so gut, so dass ein weiterer wesentlicher Motivationsfaktor der Wunsch war, diese zu verbessern. Nach dem Studiensemester habe ich noch ein sechswöchiges Praktikum in der Personalabteilung der Stadtverwaltung angeschlossen.
Vor allem am Anfang war es die Sprache. Dann war das Fach tatsächlich ganz anders, man musste sich erst eindenken, das war aber auch gleichzeitig sehr interessant. Meine Wohnungssuche war unnötig aufwendig, ich wusste nichts über die Möglichkeiten zur Unterbringung in einem Wohnheim. Da ich wegen Prüfungen in Deutschland aber nicht pünktlich zum Semesterbeginn vor Ort sein konnte, habe ich selbst gesucht anstatt zu fragen. Dabei musste ich feststellen, dass fast alles Praktische ganz anderes organisiert ist als in Deutschland.
Das Studium war tatsächlich sehr klinisch ausgerichtet, während sich mein Praktikum als eine gute Ergänzung zu meiner Studienausrichtung in Deutschland (Schwerpunkt Arbeitspsychologie) erwies. Das Praktikum hat außerdem sprachlich den größten Erfolg gebracht, da ich im Gegensatz zum Studium ausschließlich Französisch hörte und sprach. Es war fachlich eine Art Orientierungspraktikum, dafür war dieser Praxiseinblick nützlich, und für den Zweck waren sechs Wochen mit wöchentlichem Wechsel der Abteilung eine gute Dauer.
Durch den Auslandsaufenthalt bin ich kommunikativer geworden, vor allem in unbekannter Umgebung, mit fremden Menschen und in einer anderen Sprache. Mit meiner »Wissenschaftlerbrille« kann ich auch sagen, dass ich während des Auslandsaufenthalts vor allem an Selbstsicherheit und Offenheit gewonnen habe.
Schon in Frankreich habe ich begonnen, mich um ein Praxissemester in Südafrika (mit DAAD-Stipendium) zu bemühen. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich mir dies ohne die Erasmus-Erfahrung sicher nicht zugetraut hätte. Es gab eine Reisekostenförderung, die zwei Praktikumsplätze habe ich mir selbst gesucht, den ersten an der »University of Capetown« und den zweiten in einer NGO der Entwicklungshilfe. Man wurde viel weniger betreut als mit Erasmus. Ich wollte weiter weg, ins englischsprachige Ausland, und noch etwas ganz anderes ausprobieren. Rückblickend waren die Erfahrungen in Frankreich und Südafrika sehr unterschiedlich. Der Aufenthalt in Frankreich fiel mir sehr leicht, es blieb beim gewohnten Studierendenleben mit einigen Besonderheiten. In Südafrika gab es eine größere kulturelle Distanz, und zumindest bei der NGO-Arbeit eine völlig andere Community. Insgesamt eine andere Wahrnehmung von Fremdheit – und kulturell eine ganz andere Herausforderung.
In jedem Fall würde ich ein Zuspätkommen vermeiden (das ließ sich damals organisatorisch nicht anders lösen. Ich habe dadurch leider alle Einführungsangebote verpasst). Vorab hatte ich zwar an einem Tag meine Sachen mit dem Auto hingebracht, bin dann aber zum eigentlichen Start mit dem Zug angereist und am Abend direkt zur einer Erasmus- Party gegangen. Die soziale Integration hat also trotzdem geklappt. Von der Studienorganisation her war ein Auslandsaufenthalt direkt nach dem Grundstudium (also relativ früh im Studienverlauf) total gut. Punkte oder Scheine zu sammeln, war damals überhaupt nicht möglich. Mir wurde vorab gesagt: »Wir erkennen gar nichts an, egal, was Sie machen.« Meine Fachstudienberatung fand den Aufenthalt völlig unsinnig. Inzwischen hat sich an den Hochschulen einiges geändert und mit dem heutigen Wissen bzw. unter den heutigen Bedingungen würde ich für zwei Semester ins Ausland gehen und mir möglichst viel anerkennen lassen.
Die FernUniversität in Hagen ist mein dritter Arbeitgeber seit Studienabschluss. Die Auslandsaufenthalte wurden in keinem Bewerbungsgespräch thematisiert, beim ersten wurde allerdings ein »interessanter Lebenslauf« angemerkt. Meinem Eindruck nach ist ein Auslandsstudium in vielen psychologischen Berufsfeldern auch heute noch kein Thema beim Ein- oder Aufstieg. Ich habe jedoch indirekte Effekte des Auslandsaufenthalts wahrgenommen: Ich traf vor dem Hintergrund meiner eigenen Erasmus-Erfahrungen eigene fachliche Entscheidungen bzgl. Schwerpunkten und Thema der Dissertation, mein konkreter Themenvorschlag »Persönlichkeitsentwicklung im Kontext von Auslandsaufenthalten« war vermutlich ausschlaggebend für die Einstellung. Meinen aktuellen Forschungsschwerpunkt könnte ich mit »internationale Bildungsmobilität « labeln, dafür waren die Erasmus-Erfahrungen sehr wichtig.
Wir haben im Rahmen der Projekte »Campus International« sowie darüber hinaus Längsschnittstudien durchgeführt mit Gruppen von Auslandsstudierenden und Kontrollstudierenden, die im Heimatland geblieben sind. Diese geben konsistente Hinweise auf positive Effekte studienbezogener Auslandserfahrungen auf verschiedene psychologische Merkmale. Demnach zeigen Studierende, die einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt absolvieren, im Vergleich zur Kontrollgruppe eine stärkere Zunahme in grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen, die mit Offenheit für neue Ideen, Kooperativität und Empathie, Geselligkeit und sozialer Dominanz sowie Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit in Verbindung stehen. Ähnliche positive Effekte finden sich im Hinblick auf die Entwicklung von Eigenschaften, die mit der erfolgreichen Bewältigung interkultureller Kontaktsituationen in Zusammenhang stehen, sowie für proaktive Verhaltensweisen, die mit beruflichem Erfolg assoziiert sind. Demgegenüber zeigt sich ein deutlicherer Rückgang in Merkmalsbereichen, die mit Ängstlichkeit und Unsicherheit in Verbindung stehen. Insgesamt sind die unmittelbaren positiven Effekte studienbezogener Auslandserfahrungen damit gut belegt.
Das Interview führte Marina Steinmann, Expertin für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit in der NA DAAD.