Erasmus+ muss dazu beitragen, junge Menschen zu erreichen, ihre Erwartungen an die eigene Zukunft zu stärken und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.
Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der künftigen britischen Beteiligung wird das British Council als Nationale Agentur für Erasmus+ spielen. Das Council ist für die administrative und organisatorische Umsetzung zuständig. Maddalaine Ansell wird als zukünftige Direktorin den Aufbau und die strategische Ausrichtung der Nationalen Agentur verantworten. Im Gespräch mit uns gibt sie Einblicke in den aktuellen Stand der Vorbereitungen, ihre Erwartungen an die Assoziierung und die Chancen, die sich daraus für die europäische Hochschulzusammenarbeit ergeben.
Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Olivier Tschopp, Direktor von Movetia, zur Assoziierung der Schweiz im nächsten Jahr.
Im Kern geht es bei der Teilnahme an Erasmus+ darum, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, durch ein Studium, eine berufliche Tätigkeit oder einen Freiwilligendienst in Europa und darüber hinaus wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Davon profitieren nicht nur ihre akademischen Leistungen; sie entwickeln auch Kompetenzen wie Resilienz, interkulturelle Kompetenz und Problemlösungsfähigkeit. Ich hoffe zudem, dass ihnen das Programm Zukunftsperspektiven eröffnet, von denen sie andernfalls vielleicht gar nicht gewusst hätten, dass sie möglich sind.
In einer Zeit, in der uns – wie vielen anderen europäischen Ländern – die Zahl der jungen Menschen Sorgen bereitet, die sich weder in Bildung oder Ausbildung noch in Beschäftigung befinden, ist dies besonders wichtig. Der jüngste Milburn Review beziffert ihre Zahl inzwischen auf fast eine Million, also rund jede achte junge Person. Erasmus+ muss dazu beitragen, junge Menschen zu erreichen, ihre Erwartungen an die eigene Zukunft zu stärken und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.
Auch für Beschäftigte im Bildungsbereich ist das Programm von großer Bedeutung. Es ermöglicht ihnen, sich mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Europa auszutauschen, voneinander zu lernen, neue Impulse für Innovationen zu erhalten und die Bildung sowohl im Vereinigten Königreich als auch in den Partnerländern voranzubringen. Gemeinsam können wir uns auch mit neuen Fragen befassen – etwa damit, welche Rolle künstliche Intelligenz im Bildungswesen spielen kann oder sollte – und zugleich an langjährigen Herausforderungen arbeiten, beispielsweise daran, allen jungen Menschen einen chancengerechten Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen.
Im Hochschulbereich würde ich zudem erwarten, dass die Teilnahme an Erasmus+ die Beteiligung an Horizon Europe unterstützt – und umgekehrt. So kann das Vereinigte Königreich wieder vollständig in das europäische Hochschul- und Forschungsökosystem eingebunden werden.
Erasmus+ muss dazu beitragen, junge Menschen zu erreichen, ihre Erwartungen an die eigene Zukunft zu stärken und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.
Das Vereinigte Königreich verfügt glücklicherweise über hervorragende Hochschulen. Dies verdanken wir zu einem großen Teil unserer internationalen Vernetzung: Rund ein Drittel unseres wissenschaftlichen Personals und etwa ein Viertel unserer Studierenden kommen aus dem Ausland. Seit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ist die Zahl der Studierenden aus der Europäischen Union allerdings um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Aus unserer früheren Teilnahme an Erasmus+ wissen wir, dass das Vereinigte Königreich ein beliebtes Zielland für die Hochschulmobilität war. Wir hoffen deshalb, dass unsere erneute Teilnahme EU-Studierenden einen neuen Weg eröffnet, im Vereinigten Königreich zu studieren.
Auch in der Forschung verfügt das Vereinigte Königreich über starke Kompetenzen und ein breites Spektrum – ebenfalls als Ergebnis seiner internationalen Vernetzung. Mehr als 60 Prozent unserer Forschungsleistungen entstehen in Zusammenarbeit mit mindestens einem internationalen Partner. Europäische Länder gehören seit jeher zu unseren wichtigsten Partnern: Deutschland, Italien, Frankreich, die Niederlande, Spanien und die Schweiz zählen bei internationalen Publikationen und Forschungskooperationen zu unseren zehn bedeutendsten Partnerländern. An der Spitze stehen jedoch die Vereinigten Staaten und China; auch Australien und Kanada gehören zu den Top Ten. Ich hoffe daher, dass die Beteiligung des Vereinigten Königreichs an Horizon Europe und Erasmus+ dazu beiträgt, exzellente Forschung in Europa hervorzubringen und zugleich die Zusammenarbeit mit bedeutenden Forschungszentren in anderen Weltregionen zu stärken.
Darüber hinaus hoffen wir, dass durch die Teilnahme des Vereinigten Königreichs an Erasmus+ mehr britische Hochschulen in Allianzen Europäischer Hochschulen mitwirken und sich an Training and Cooperation Activities (TCA) beteiligen können. Indem sie dort gemeinsam an übergreifenden Herausforderungen arbeiten, können sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hochschulen erhöhen, europäische Werte und eine europäische Identität fördern und eine langfristige strukturelle, strategische und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Hochschulen aufbauen.
Ich hoffe daher, dass die Beteiligung des Vereinigten Königreichs an (...) Erasmus+ dazu beiträgt, exzellente Forschung in Europa hervorzubringen und zugleich die Zusammenarbeit mit bedeutenden Forschungszentren in anderen Weltregionen zu stärken.
Deutschland gehört seit jeher zu den engsten Bildungs- und Forschungspartnern des Vereinigten Königreichs. Erasmus+ bietet uns die Möglichkeit, diese Zusammenarbeit weiter zu vertiefen und auszubauen.
Wir sind sehr dankbar, dass viele deutsche Hochschulen ihren britischen Partnern in der Zeit, in der wir nicht am Programm teilnahmen, eine weitere Beteiligung an Erasmus+-Projekten als Einrichtung aus einem nicht mit dem Programm assoziierten Drittland ermöglicht haben. Ebenso danken wir dem DAAD für die Unterstützung seit der Bekanntgabe der Assoziierung des Vereinigten Königreichs mit Erasmus+ – unter anderem durch gemeinsame Veranstaltungen zur Partnersuche und durch Längsschnittforschung zu den Wirkungen der Hochschulmobilität. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass an britischen Einrichtungen in dieser Zeit institutionelles Wissen und entsprechende Kapazitäten verloren gegangen sind. Unterstützung durch einzelne deutsche Hochschulen bei der Entwicklung und Konzeption von Anträgen, die den Förderbedingungen und Prioritäten von Erasmus+ entsprechen, dürfte bei britischen Partnern daher sehr willkommen sein.
Wir sehen außerdem erhebliches Potenzial für Erasmus+, die Zusammenarbeit über Europa hinaus zu stärken. Sehr ermutigend finden wir beispielsweise die führende Rolle des DAAD bei der weiteren Entwicklung ethischer und gerechterer Partnerschaften mit Afrika in Hochschulbildung und Forschung.
Wir sind sehr dankbar, dass viele deutsche Hochschulen ihren britischen Partnern in der Zeit, in der wir nicht am Programm teilnahmen, eine weitere Beteiligung an Erasmus+-Projekten als Einrichtung aus einem nicht mit dem Programm assoziierten Drittland ermöglicht haben.
Die europäischen Partner haben die geplante Teilnahme des Vereinigten Königreichs an Erasmus+ überwiegend sehr begrüßt, und wir haben zahlreiche Unterstützungsangebote erhalten. Unsere Sorge besteht derzeit eher darin, wie wir auf all diese Angebote reagieren können, während wir die Nationale Agentur noch aufbauen und personell noch nicht vollständig besetzt sind.
Eine Sorge, die häufig angesprochen wird, betrifft die Visabestimmungen, und diese fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Nationalen Agentur. Ich hoffe dennoch, dass der große Nutzen der Teilnahme – aus all den bereits genannten Gründen – europäische Partner und Studierende dazu motiviert, sich mit den entsprechenden Verfahren auseinanderzusetzen.
Der British Council freut sich außerordentlich darüber, dass das Vereinigte Königreich ab 2027 an Erasmus+ teilnehmen wird. Ebenso stolz sind wir darauf, dass der British Council zur Nationalen Agentur des Vereinigten Königreichs benannt wurde. Die Ziele von Erasmus+ stehen in großer Übereinstimmung mit unserer Royal Charter. Wir sehen enorme Chancen für kulturellen Austausch, der zu gegenseitigem Verständnis und Vertrauen beiträgt – insbesondere in Europa, aber auch darüber hinaus.
Der Aufbau einer Nationalen Agentur ist selbstverständlich keine kleine Aufgabe, und der Zeitrahmen ist sehr eng: Wir wurden im April ernannt und müssen ab November bereit sein, erste Anträge entgegenzunehmen. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten sehr intensiv daran, dies zu ermöglichen. Wir sind dankbar, dass wir dabei auf den Rat und die Erfahrung der früheren Direktorin der britischen Nationalen Agentur und einiger Mitglieder ihres Teams zurückgreifen können, obwohl sie den British Council inzwischen verlassen haben.
Wir sehen enorme Chancen für kulturellen Austausch, der zu gegenseitigem Verständnis und Vertrauen beiträgt – insbesondere in Europa, aber auch darüber hinaus.
Erfolg lässt sich aus mehreren Perspektiven betrachten.
Rein programmbezogen wäre die Rückkehr erfolgreich, wenn alle dem Vereinigten Königreich zur Verfügung stehenden Mittel für hochwertige Mobilitäts- und Partnerschaftsprojekte eingesetzt würden, wenn sich die Teilnahme ausgewogen auf alle vier Landesteile des Vereinigten Königreichs und alle sechs förderfähigen Bereiche verteilte und wenn ein großer Anteil der Geförderten aus Personengruppen käme, die sonst keine Gelegenheit gehabt hätten, im Ausland zu studieren, zu arbeiten oder sich ehrenamtlich zu engagieren.
Darüber hinaus verstehen wir Erasmus+ als einen entscheidenden Beitrag zu dem Ziel des Vereinigten Königreichs, engere Beziehungen zur Europäischen Union aufzubauen und gemeinsam mit unseren nächsten Nachbarn konstruktiv an den großen geopolitischen, ökologischen und technologischen Herausforderungen zu arbeiten, vor denen wir alle stehen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ansell.