Ananda Klaar hat diese Möglichkeit genutzt und mit Erasmus ein Jahr in Indonesien studiert. Als Studentin mit deutschen und indonesischen Wurzeln verbindet sie dabei eine persönliche Perspektive auf Herkunft und Zugehörigkeit mit ihrem akademischen Schwerpunkt auf Südostasien. Zugleich ist sie als Autorin und Kolumnistin, unter anderem für den Spiegel, eine Stimme ihrer Generation und setzt sich in ihren Texten mit gesellschaftlichen Fragen wie Identität, Klimagerechtigkeit und sozialem Wandel auseinander. Im Interview spricht sie über ihre persönlichen, akademischen und identitätsstiftenden Erfahrungen in der Heimat ihrer Mutter.
Durch meinen familiären Bezug zu Indonesien habe ich mich in meinem Studium auf Südostasien und Indonesien spezialisiert und bereits in Deutschland sehr intensiv die Landessprache Bahasa Indonesia studiert. Ein Auslandsjahr in Indonesien lag daher für mich sehr nahe.
Ein Jahr in der Heimat meiner Mutter zu leben, war seit Beginn meines Bachelors einer meiner größten Träume. Hier habe ich nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessert, sondern es darüber hinaus sehr genossen, zu meinen Verwandten im Land zu reisen und eine engere Beziehung zu meiner Familie aufzubauen.
Der größte Unterschied zwischen meiner Erfahrung hier und der anderer Austauschstudierender liegt wahrscheinlich darin, dass ich mich nicht in einem völlig ungewohnten Umfeld bewege. Ich spreche die Landessprache mehr oder weniger fließend und habe als Kind viele Sommer bei meiner Familie in Indonesien verbracht. Der Zweck meines Auslandsaufenthalts liegt also nicht darin, eine neue Kultur kennenzulernen, sondern mehr über die Heimat meiner Mutter zu erfahren.
Gleichzeitig finden für mich allerdings auch ganz andere Aushandlungsprozesse in Bezug auf Identität, Zugehörigkeit und Selbstbewusstsein statt. Dadurch, dass ich in Deutschland als asiatisch und in Indonesien als europäisch wahrgenommen werde, bewege ich mich in diesem seltsamen Dazwischen, das niemals vollständig die eine oder die andere Herkunft bedeutet und in dem ich meine Identität und Zugehörigkeit immer wieder unter Beweis stellen muss. Insofern spielt das Jahr, das ich hier verbringen darf, eine immense Rolle dabei, wie ich meine eigene Zugehörigkeit für mich persönlich aushandle. Während meiner Zeit in Indonesien habe ich nicht nur viel über diese zweite Kultur gelernt, der ich mich so zugehörig fühle, sondern mindestens genauso viel über mich selbst und meine Identität als Deutsch-Indonesierin.
Themen wie Identität, Migration und soziale Gerechtigkeit sind in meiner Zeit in Indonesien nicht per se anders greifbar geworden. Vielmehr hat mich der Alltag in einem Land, in dem ich als Erasmusstudentin etwa nicht ohne Konsequenzen demonstrieren oder mich politisch äußern kann, gelehrt, wie wichtig Aktivismus für demokratische Grundrechte ist. Gleichzeitig genieße ich aufgrund meiner Herkunft gewisse Privilegien, die mich vor Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit des Systems schützen. Das hat mir vor Augen geführt, wie privilegiert ich bin, in einer Gesellschaft aufgewachsen und beheimatet zu sein, in der Meinungsfreiheit und Versammlungsrecht tatsächlich existieren.
Erasmus+ hat mir eine unvergessliche Auslandserfahrung ermöglicht, auf die ich gewiss mein ganzes Leben lang zurückblicken werde. Durch das Stipendium darf ich hautnah kulturellen Austausch, eine neue Lebensweise sowie Studium und Lehre am anderen Ende der Welt erleben. Meine Zeit in Indonesien hat mich sowohl persönlich als auch akademisch immens geprägt. Ich habe hier einen einzigartigen Zugang zur Kultur meiner indonesischen Mutter gefunden, durch den ich meinen eigenen, ganz persönlichen Eindruck gewinnen konnte. Aus akademischer Sicht studiere ich in einem Land, auf das ich mich zusätzlich in meinem Studium spezialisiert habe und über das ich hier, über theoretisches Wissen hinaus, viel Neues aus erster Hand gelernt habe.
Gesellschaftlich schafft das Programm meiner Meinung nach einen einzigartigen Raum für Begegnung, Austausch und Wissensproduktion über Kulturen und Nationalitäten hinweg, ganz im Sinne des europäischen Gedankens. So entstehen persönliche Erfahrungen, die verschiedene lokale Eindrücke miteinander verbinden, Horizonte erweitern und ein reflektiertes und tolerantes Miteinander fördern.
Mit der Öffnung des Programms für Länder wie Indonesien findet eine wichtige Verschiebung unseres Fokus statt. Hinzu kommt, dass Länder außerhalb Europas ohne ein Stipendium durch die räumliche Distanz weniger zugänglich sind und für viele Studierende aus finanziellen Gründen für einen Auslandsaufenthalt gar nicht erst infrage kommen. Was Erasmus+ also leistet, ist vor allem eine Senkung der Hürden, einen gänzlich anderen Kulturraum zu erkunden.
Die größte Chance in einem Studienaufenthalt außerhalb Europas sehe ich genau in diesem vollständig neuen Kontext für Studium und Lehre. In Indonesien etwa wird Wissen aus einer anderen Perspektive generiert und vermittelt, die vieles anders bewertet als die Lehre in Deutschland. Dieser Perspektivwechsel trägt zu einem ganzheitlicheren, interkulturellen Wissensstand bei, von dem Studierende nicht nur akademisch, sondern ebenso persönlich profitieren.
Erasmus+ trägt mit der Förderung von Aufenthalten außerhalb Europas zu einem – noch größeren –Schritt heraus aus der eigenen Komfortzone bei, als ein Auslandsstudium in Europa es ohnehin schon ist. Was das Programm damit unterstützt, ist die Entwicklung mutiger, neugieriger und selbstbewusster Studierender.
Vielen Dank für das Gespräch!
Ananda Klaar ist Autorin, Kolumnistin und Klimaaktivistin. In ihren Texten beschäftigt sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Fragen junger Menschen, mit Identität, politischem Engagement und sozialer Gerechtigkeit. Durch ihren familiären Bezug zu Indonesien spezialisierte sie sich bereits im Bachelorstudium auf Südostasien und erlernte in Deutschland die Landessprache Bahasa Indonesia. Durch die Förderung des Erasmus+ Programms konnte sie sich den Traum eines einjährigen Auslandsaufenthalts in der Heimat ihrer Mutter erfüllen.