Erasmus+ jenseits von Europa

Ananda Klaar über ihr Erasmusjahr in Indonesien
Im Gespräch
Lesezeit: 5 min

Seit fast 40 Jahren prägt das Erasmus+ Programm die europäische Hochschullandschaft. Bereits 17 Millionen Menschen konnten gefördert und über Landesgrenzen hinweg miteinander vernetzt werden. In den vergangenen 39 Jahren haben mehr als eine Million Studierende deutscher Hochschulen mit Erasmus+ ein Auslandssemester oder -praktikum gewagt. Seit 2021 steht das Erasmus+ Programm auch für Studienaufenthalte außerhalb Europas offen. 

Ananda Klaar hat diese Möglichkeit genutzt und mit Erasmus ein Jahr in Indonesien studiert. Als Studentin mit deutschen und indonesischen Wurzeln verbindet sie dabei eine persönliche Perspektive auf Herkunft und Zugehörigkeit mit ihrem akademischen Schwerpunkt auf Südostasien. Zugleich ist sie als Autorin und Kolumnistin, unter anderem für den Spiegel, eine Stimme ihrer Generation und setzt sich in ihren Texten mit gesellschaftlichen Fragen wie Identität, Klimagerechtigkeit und sozialem Wandel auseinander. Im Interview spricht sie über ihre persönlichen, akademischen und identitätsstiftenden Erfahrungen in der Heimat ihrer Mutter.

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Was hat Sie dazu bewogen, sich für ein Auslandssemester mit Erasmus+ in Indonesien zu entscheiden?

Durch meinen familiären Bezug zu Indonesien habe ich mich in meinem Studium auf Südostasien und Indonesien spezialisiert und bereits in Deutschland sehr intensiv die Landessprache Bahasa Indonesia studiert. Ein Auslandsjahr in Indonesien lag daher für mich sehr nahe.

Ein Jahr in der Heimat meiner Mutter zu leben, war seit Beginn meines Bachelors einer meiner größten Träume. Hier habe ich nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessert, sondern es darüber hinaus sehr genossen, zu meinen Verwandten im Land zu reisen und eine engere Beziehung zu meiner Familie aufzubauen.

  • Campus der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Gadjah Mada

    Campus der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Gadjah Mada

  • Kletterausflug östlich von Yogykarta

    Kletterausflug östlich von Yogykarta

  • Markt in Bandung

    Markt in Bandung

  • Rockkonzert

    Rockkonzert

  • Sonnenaufgang von Borobudur mit Blick auf Merapi und Merbabu

    Sonnenaufgang von Borobudur mit Blick auf Merapi und Merbabu

  • Straßenbild in Bandung

    Straßenbild in Bandung

Sie haben deutsche und indonesische Wurzeln. Wie hat diese doppelte Perspektive Ihre Erfahrungen vor Ort beeinflusst?

Der größte Unterschied zwischen meiner Erfahrung hier und der anderer Austauschstudierender liegt wahrscheinlich darin, dass ich mich nicht in einem völlig ungewohnten Umfeld bewege. Ich spreche die Landessprache mehr oder weniger fließend und habe als Kind viele Sommer bei meiner Familie in Indonesien verbracht. Der Zweck meines Auslandsaufenthalts liegt also nicht darin, eine neue Kultur kennenzulernen, sondern mehr über die Heimat meiner Mutter zu erfahren.

Gleichzeitig finden für mich allerdings auch ganz andere Aushandlungsprozesse in Bezug auf Identität, Zugehörigkeit und Selbstbewusstsein statt. Dadurch, dass ich in Deutschland als asiatisch und in Indonesien als europäisch wahrgenommen werde, bewege ich mich in diesem seltsamen Dazwischen, das niemals vollständig die eine oder die andere Herkunft bedeutet und in dem ich meine Identität und Zugehörigkeit immer wieder unter Beweis stellen muss. Insofern spielt das Jahr, das ich hier verbringen darf, eine immense Rolle dabei, wie ich meine eigene Zugehörigkeit für mich persönlich aushandle. Während meiner Zeit in Indonesien habe ich nicht nur viel über diese zweite Kultur gelernt, der ich mich so zugehörig fühle, sondern mindestens genauso viel über mich selbst und meine Identität als Deutsch-Indonesierin. 

In Ihrer Kolumne im Spiegel beschreiben Sie, wie schnell im Ausland Freundschaften entstehen. Mit wem haben sich diese Freundschaften vor allem entwickelt? Mit internationalen Studierenden, mit lokalen Studierenden oder in einer Mischung aus beidem?

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Hat Ihnen Ihr Auslandsstudium neue Impulse für Ihr politisches Denken oder Ihr Schreiben als Autorin gegeben? Sie greifen in Ihren Texten oft gesellschaftsrelevante Themen wie Identität, Migration oder soziale Gerechtigkeit auf – sind diese Themen für Sie vor Ort anders greifbar geworden?

Themen wie Identität, Migration und soziale Gerechtigkeit sind in meiner Zeit in Indonesien nicht per se anders greifbar geworden. Vielmehr hat mich der Alltag in einem Land, in dem ich als Erasmusstudentin etwa nicht ohne Konsequenzen demonstrieren oder mich politisch äußern kann, gelehrt, wie wichtig Aktivismus für demokratische Grundrechte ist. Gleichzeitig genieße ich aufgrund meiner Herkunft gewisse Privilegien, die mich vor Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit des Systems schützen. Das hat mir vor Augen geführt, wie privilegiert ich bin, in einer Gesellschaft aufgewachsen und beheimatet zu sein, in der Meinungsfreiheit und Versammlungsrecht tatsächlich existieren.

Gibt es etwas, das Sie gerne vor Ihrem Aufenthalt gewusst hätten? Zum Beispiel auch etwas, das Sie anderen Studierenden mit auf den Weg geben würden?

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Wie sehen Sie persönlich die Bedeutung des Erasmus+ Programms, nicht nur für sich selbst, sondern auch gesellschaftlich?

Erasmus+ hat mir eine unvergessliche Auslandserfahrung ermöglicht, auf die ich gewiss mein ganzes Leben lang zurückblicken werde. Durch das Stipendium darf ich hautnah kulturellen Austausch, eine neue Lebensweise sowie Studium und Lehre am anderen Ende der Welt erleben. Meine Zeit in Indonesien hat mich sowohl persönlich als auch akademisch immens geprägt. Ich habe hier einen einzigartigen Zugang zur Kultur meiner indonesischen Mutter gefunden, durch den ich meinen eigenen, ganz persönlichen Eindruck gewinnen konnte. Aus akademischer Sicht studiere ich in einem Land, auf das ich mich zusätzlich in meinem Studium spezialisiert habe und über das ich hier, über theoretisches Wissen hinaus, viel Neues aus erster Hand gelernt habe.

Gesellschaftlich schafft das Programm meiner Meinung nach einen einzigartigen Raum für Begegnung, Austausch und Wissensproduktion über Kulturen und Nationalitäten hinweg, ganz im Sinne des europäischen Gedankens. So entstehen persönliche Erfahrungen, die verschiedene lokale Eindrücke miteinander verbinden, Horizonte erweitern und ein reflektiertes und tolerantes Miteinander fördern. 

Seit einigen Jahren öffnet sich Erasmus+ zunehmend auch für Länder außerhalb Europas. Wie bewerten Sie diese internationale Öffnung?

Mit der Öffnung des Programms für Länder wie Indonesien findet eine wichtige Verschiebung unseres Fokus statt. Hinzu kommt, dass Länder außerhalb Europas ohne ein Stipendium durch die räumliche Distanz weniger zugänglich sind und für viele Studierende aus finanziellen Gründen für einen Auslandsaufenthalt gar nicht erst infrage kommen. Was Erasmus+ also leistet, ist vor allem eine Senkung der Hürden, einen gänzlich anderen Kulturraum zu erkunden.

Die größte Chance in einem Studienaufenthalt außerhalb Europas sehe ich genau in diesem vollständig neuen Kontext für Studium und Lehre. In Indonesien etwa wird Wissen aus einer anderen Perspektive generiert und vermittelt, die vieles anders bewertet als die Lehre in Deutschland. Dieser Perspektivwechsel trägt zu einem ganzheitlicheren, interkulturellen Wissensstand bei, von dem Studierende nicht nur akademisch, sondern ebenso persönlich profitieren.

Erasmus+ trägt mit der Förderung von Aufenthalten außerhalb Europas zu einem – noch größeren –Schritt heraus aus der eigenen Komfortzone bei, als ein Auslandsstudium in Europa es ohnehin schon ist. Was das Programm damit unterstützt, ist die Entwicklung mutiger, neugieriger und selbstbewusster Studierender.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Ananda Klaar ist Autorin, Kolumnistin und Klimaaktivistin. In ihren Texten beschäftigt sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Fragen junger Menschen, mit Identität, politischem Engagement und sozialer Gerechtigkeit. Durch ihren familiären Bezug zu Indonesien spezialisierte sie sich bereits im Bachelorstudium auf Südostasien und erlernte in Deutschland die Landessprache Bahasa Indonesia. Durch die Förderung des Erasmus+ Programms konnte sie sich den Traum eines einjährigen Auslandsaufenthalts in der Heimat ihrer Mutter erfüllen.