Inklusion und Vielfalt in der Praxis

Drei Fragen an Erasmus+ Expertin Andrea Menn
Im Gespräch
Lesezeit: 4 min
Text: Dr. Melanie Förster (Interview)

Chancengerechtigkeit und Fairness in allen Bildungsbereichen stärken – das ist das Ziel im Erasmus+ Programm unter der horizontalen Priorität »Inklusion und Vielfalt«. Dafür hat die Nationale Agentur für Erasmus+ (NA DAAD) in den vergangenen Jahren ihre Angebote, Maßnahmen und finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten erheblich ausgeweitet. Um die Wirkung der Angebote zu prüfen, hat sie auch eine Umfrage lanciert mit rund 7.000 Teilnehmenden, deren Ergebnisse Anfang April 2026 veröffentlicht wurden. 

Andrea Menn, M.A., ist seit 1995 Leiterin des „International Office“ der Jade Hochschule mit Studienorten in Wilhelmshaven, Oldenburg und Elsfleth, seit 1996 Erasmus+ Koordinatorin und seit 2024 Erasmus+ Expertin in der Profilgruppe „Inklusion und Vielfalt“ für die NA DAAD. Im Interview ordnet sie die Ergebnisse der Umfrage anhand der Praxis ein und berichtet von der Umsetzung einer vielfältigen, offenen und inklusiven Hochschulkultur.

Frau Menn, mehr als 60 Prozent der Befragten hätten ohne die zusätzlichen Mittel keinen Auslandsaufenthalt realisiert. Gleichzeitig berichten knapp 70 Prozent, dass sie mit der Förderung den Großteil ihrer Kosten im Ausland decken konnten. Welche Rückmeldung erhalten Sie seitens der Studierenden zu den Aufstockungsbeiträgen?

Sie sind selbstverständlich sehr froh über die Zusatzförderung. Es gibt viele, die sagen, dass sie ihren Auslandsaufenthalt ohne diese Aufstockungsbeiträge nicht hätten machen können, da zusätzliche Ausgaben angefallen sind oder sie ihren Job nicht weiter ausführen konnten. Die meisten sind da sehr dankbar und das Feedback ist grundsätzlich positiv. Wir sind als University of Applied Sciences in der besonderen Situation, dass wir sehr viele Studierende als Erstakademikerinnen und Erstakademiker haben. Das ist der Bereich, in dem bei uns am meisten nach Aufstockungsbeiträgen nachgefragt wird. Und diese Studierenden bestätigen uns auch immer wieder: „Ohne das Top-up hätte ich es nicht gemacht, oder hätte ich es nicht machen können.“ Denn es ist eben nicht allein eine Frage des Willens.

Es gibt viele, die sagen, dass sie ihren Auslandsaufenthalt ohne diese Aufstockungsbeiträge nicht hätten machen können, da zusätzliche Ausgaben angefallen sind oder sie ihren Job nicht weiter ausführen konnten.
Andrea Menn

In der Umfrage gaben 71,5 Prozent der Studierenden an, dass sie über die Erasmus+ Koordinierenden ihrer Heimathochschule von den Zusatzförderungen erfahren haben. Können Sie das bestätigen oder wie erfolgt die Ansprache der Zielgruppen mit geringeren Chancen an Ihrer Hochschule?

Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Man kann nicht einfach zu Studierenden hingehen und sie etwa fragen, ob sie die ersten sind, die in ihrer Herkunftsfamilie studieren. Daher versuchen wir zum einen in vielen Informationsveranstaltungen jedes Mal darauf hinzuweisen, dass es das Erasmus+ Programm gibt und einige Menschen unter bestimmten Voraussetzungen eine besondere Förderung bekommen können. Diese Information ist eigentlich das A und O, um in persönlichen Kontakt zu kommen. Zum anderen gibt es die Beratungen für Studierende, in denen wir auch darauf aufmerksam machen, dass es diese Zusatzförderungen gibt. Insofern kann ich das Ergebnis nachvollziehen. Großartig sind die Materialien von der NA DAAD: zum Beispiel Postkarten zum Thema, die wir bei Informationsveranstaltungen oder bei Messen auslegen. Wenn die Leute zur Informationsveranstaltung oder in die Beratungen kommen, dann sind sie schon interessiert. Aber ich glaube, wir haben noch eine große Lücke bei den Leuten, die sich gar nicht erst angesprochen fühlen und denken, das sei sowieso nichts für sie, ein Stipendium sei nur für die Besten. 

Wichtig ist für mich auch die Vernetzung zwischen den verschiedenen Beratungseinrichtungen wie unserem International Office, den Gleichstellungsstellen, der Behindertenberatung oder der psychosozialen Beratung, sodass der Input von ganz unterschiedlichen Seiten zu den Leuten kommt. Das ist wichtig, weil sich viele gar nicht angesprochen fühlen. Und es ist auch immer wieder ein Mutmachen, dass man bestärkt und sagt: „Ja, das ist auch etwas für dich. Es ist auch für deine Karriere wichtig. Denk darüber nach und wir unterstützen dich.“ Das gilt für alle, nicht nur für Studierende mit geringeren Chancen. 

Abgesehen von der finanziellen Unterstützung für Einzelpersonen, wo sehen Sie noch Potenzial bei der sozialen Teilhabe im Erasmus+ Programm?

Potenzial gibt es in allen Bereichen, bei den Menschen mit Behinderung, mit Kindern, wobei das bei uns so viele nicht sind. Was zunimmt, sind die Mental-Health-Probleme. Wir hatten den Fall eines Gaststudenten, der psychiatrische Behandlung benötigte. Diese ganzen Prozesse nehmen sehr viel Personalkapazität in Anspruch, auch in der Zusammenarbeit mit den anderen Beratungseinheiten wie der psychosozialen Beratung oder dem Studierendenwerk. Das kann man nicht mal eben nebenbei machen, das ist auch nicht mit einem Formular erledigt oder mit 100 Euro extra. Die Unterstützung muss sehr individuell sein und dafür sind eine gute Betreuung und gut ausgebildetes Personal notwendig. Besondere Betreuung ist beispielsweise auch bei schwerbehinderten Menschen vonnöten. Auch hier brauchen wir Menschen, die sagen: „Wir kümmern uns darum“. Ich versuche daher, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig zu bestärken, an den Weiterbildungsveranstaltungen der NA teilzunehmen, gerade zum Thema Vielfalt und Diversität, unter anderem um sich mit anderen auszutauschen. 

Ich denke, dass wir auch noch viel mehr Kurzprogramme anbieten müssen, BIPs und Ähnliches, bei denen Teilnehmende für einen kurzen Zeitraum ins Ausland gehen und darin bestärkt werden, anschließend den größeren Schritt zu einem längeren Auslandsaufenthalt zu wagen. Auch die Realkostenanträge sollte man noch sehr viel stärker bewerben. Insofern – es gibt noch viel zu tun, aber es ist auch schon viel passiert. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben gerade eine Frau unterstützt, die mit drei Kindern ins Ausland gegangen ist und ihre Mutter zur Betreuung mitgenommen hat. Ich bin gespannt, was sie erzählt, wenn sie im Herbst zurückkommt.

Es ist jedenfalls schön mitzuerleben, wie Erstakademikerinnen und Erstakademiker und alle, die nie daran gedacht haben im Ausland zu studieren und sich das zunächst nicht zugetraut hätten, es dann doch machen. So ein Auslandsaufenthalt ist einfach eine Life-Changing-Experience.