Zum strategischen Nutzen von Balkan-Kooperationen
Das Beispiel der HWG Ludwigshafen
Internationalisierung ist für eine innovative, zukunftsorientierte Hochschule unerlässlich, hat sie doch den Bildungsauftrag, junge Menschen auf einen globalisierten Arbeitsmarkt vorzubereiten und ihnen für einen erfolgreichen Berufseinstieg die erforderlichen Kompetenzen mitzugeben. Der klare Fächerfokus der HWG Ludwigshafen in Business- und Gesundheitsstudiengängen wäre ohne internationale Komponenten – nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit dem Balkan – gar nicht zeitgemäß.
Ein zunehmender Fokus auf den Balkan
Bereits im Zuge der EU-Erweiterung 2004 gab die Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen in engem Dialog mit den im Rhein-Neckar-Raum ansässigen großen und mittelständischen Unternehmen den Blick nach Osten vor. Die zahlreichen Hochschulkooperationen in Südosteuropa waren die Folge durchgängig positiver und verlässlicher Zusammenarbeit, eines erfolgreichen Austauschs auf wissenschaftlicher und studentischer Ebene und der Nachfrage von kooperierenden Unternehmen nach Absolvent*innen mit Ost- und Südosteuropa-Kompetenzen.
Die 2015 – in der vorangegangenen Programmgeneration von Erasmus+ (2014–2020) – eingeführte Programmlinie KA107 («Mobilität mit Partnerländern», bekannt auch als International Credit Mobility, ICM) schaffte die Option, nun auch die Nicht-EU-Länder des Westlichen Balkans in das Programm zu integrieren, Mobilitäten zu fördern, bestehende Kooperationen zu intensivieren und neue Partner zu gewinnen. Ohne die Förderung durch Erasmus+ wäre für die meisten der Studierenden aus der Region des Westlichen Balkans ein Studienaufenthalt in Deutschland nicht finanzierbar (gewesen).
Eine vertiefte Zusammenarbeit dank Erasmus+
Für die HWG Ludwigshafen erwies sich diese Ausweitung des Erasmus+ Programms als wahrer Glücksfall, war doch schon in den frühen 2000er-Jahren die Region als wichtige Destination identifiziert worden, für beide Seiten gewinnbringend und zukunftsorientiert. Nach den vorhergehenden konfliktreichen Jahren, die auch viele Geflüchtete in die Rhein-Neckar-Region gespült hatten, war es naheliegend, basierend auf intensiver historischer Verbundenheit und deutlichen fachlichen Schnittstellen ein dichtes Netzwerk bilateraler Kooperationen und vielseitige gemeinsame Aktivitäten zu entwickeln. Die geografische Nähe machte und macht eine Vielzahl von Mobilitäten möglich, die Vertrautheit schaffen und eine gemeinsame Blickrichtung bestärken.
Unterfüttert werden die Hochschulkooperationen durch die Zusammenarbeit der HWG Ludwigshafen mit den Niederlassungen der GIZ in Sarajevo, Pristina und Podgorica sowie der Deutschen Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien. Ziel ist die Erhöhung der Mobilitäten für Praktika in Unternehmen, Einrichtungen und NGOs für Studierende der HWG in den wirtschafts- und gesundheitswissenschaftlichen Fächern. Im Gegenzug können auch Studierende der Partnerhochschulen des Westlichen Balkans von der weitreichenden Vernetzung der HWG Ludwigshafen mit Unternehmen der Region bei der Suche nach Praktika oder Arbeitsstellen profitieren.
Austausch auf allen Ebenen
Viele ehemalige Austauschstudierende hatten bereits mit einem Semesteraufenthalt an der HWG Ludwigshafen und den erworbenen Grundkenntnissen der deutschen Sprache in den Herkunftsländern verbesserte Startchancen für den Berufseinstieg. Eine hohe Anzahl Studierender aus den Ländern des Westlichen Balkans kam nach ihrem Abschluss zurück an die HWG Ludwigshafen, um ein Masterstudium zu beginnen. Mit der European University in Tirana (Albanien), der International University Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) und dem Universum College in Pristina (Kosovo) wurden erfolgreiche Double-Degrees auf Masterebene etabliert, die die Chancen der Absolvent*innen auf einen Arbeitsplatz sowohl im Herkunftsland als auch in Deutschland erhöhen, zumal die Zahl deutscher Unternehmen und Einrichtungen in der Region des Westlichen Balkans ständig wächst.
Seit 2018 lehrt zudem eine Professorin für Finanzwissenschaft von der Freien Universität Banja Luka (Bosnien und Herzegowina) jedes Semester als Gastdozentin an der HWG; zur im Oktober 2023 durchgeführten Graduierungsfeier des MBAs «International Business Management» an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft kamen 3 Professoren des Universum College Pristina (Kosovo), um den Doppelabschluss der Studierenden zu würdigen. Für die nächste Zukunft sind neben den klassischen Studierenden-, Lehrenden- und Personalmobilitäten ein Partnernetzwerktreffen an der HWG Ludwigshafen sowie eine mehrtägige Exkursion mit Studierenden nach Sarajevo und Tirana geplant.
Ein Plädoyer für den Balkan
Die Beitrittsverhandlungen mit der EU und die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft haben sich als wichtiger Motor für Reformprozesse erwiesen, die sich auch in bildungspolitischen Entwicklungen widerspiegeln. Die vor allem in westeuropäischen Köpfen noch immer sehr präsenten Vorbehalte gegenüber den Balkanländern und die bestehenden Zweifel an der Qualität der dortigen Bildungssysteme können nur durch permanenten Austausch und sichtbare Zusammenarbeit entkräftet werden und diese unterschätzte, vielseitige, gehaltvolle und kulturell schillernde Region innerhalb Europas sichtbarer machen. Europa endet nicht am Rand der Europäischen Union.
Kerstin Gallenstein